Die Eltern kommen zu Ihnen, weil sie gerade das Schlimmste durchmachen, was man sich als Eltern vorstellen kann: Sie haben ihr Kind verloren. Wie hilft da Ihre Selbsthilfegruppe?

Edeltraud BeckerIn den Erstgesprächen, die meine Kollegin und ich führen, wenn sich die Paare bei uns melden, wird häufig deutlich, dass die Paare ihr Umfeld mit ihrer Trauer nicht weiter belasten wollen. Oder sie hören dort die Floskeln „Ihr seid ja noch jung“, „Ihr müsst darüber wegkommen“. Das Anliegen der Eltern ist es, mit Gleichgesinnten zu sprechen, die wissen, wie sie sich fühlen. Meine Kollegin und ich betonen, dass wir Begleiter sind und keine Therapeuten. In der Trauergruppe haben ihre Sorgen und Nöte Zeit und Raum. Und hier haben auch ihre Sternenkinder Raum, die von ihren Eltern abgöttisch geliebt werden. Viele Eltern haben Angst, dass ihre Kinder vergessen werden. Das Umfeld hat sie nicht kennengelernt, und das Thema wird oftmals totgeschwiegen.

Warum sind Sternenkinder ein Tabuthema?

BeckerSchauen Sie sich um, das Thema Tod generell ist ein Tabuthema. Wir haben uns leider zu einer Spaßgesellschaft entwickelt. Das Umfeld regt sich auf, wenn jemand ein Jahr lang schwarz trägt – früher war das völlig normal. Und es wird zu wenig nachgefragt.

Was raten Sie den Eltern von Sternenkindern?

BeckerSie sollten über ihre Trauer reden und sich als Paar im Blick behalten. Trauer ist sehr unterschiedlich, Männer entwickeln da oft andere Mechanismen in der Trauerarbeit. Mittlerweile zeigen Männer aber auch Gefühle, früher mussten sie stark sein. Aber in meinen 13 Jahren bei der Selbsthilfegruppe hat sich da viel getan. Es gibt in der Verarbeitung kein Richtig oder Falsch. Die Trauerarbeit ist oft ein langer und sehr persönlicher Weg.

Sie arbeiten noch als Kriseninterventionshelfer, sind auch in der Kirche aktiv. Wie sind Sie dazu gekommen?

BeckerDie Sternenkind-Eltern sind mir eine Herzensangelegenheit. Es sind auch meine Familien, meine Kinder. 1975 hatte ich einen schlimmen Autounfall. Ich lag lange im Krankenhaus und lebe seitdem mit einer Behinderung. Damals habe ich einen Deal mit Gott geschlossen, ich bin sehr gläubig. Wenn ich hier halbwegs gut rauskomme, will ich etwas Gutes tun.

Mareike Fangmann
Mareike Fangmann Redaktion Münsterland