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Umstrittener Oldenburger Schriftsteller Umbenennung der August-Hinrichs-Straße in Bösel gefordert

Die August-Hinrichs-Straße in Bösel ist eine Stichstraße, die von der Willohstraße abgeht.

Die August-Hinrichs-Straße in Bösel ist eine Stichstraße, die von der Willohstraße abgeht.

Martin Pille

Bösel - Heimatforscher Martin Pille hat ein Ersuchen an den Rat der Gemeinde Bösel gestellt: Die August-Hinrichs-Straße soll umbenannt werden, weil der Oldenburger Heimatschriftsteller (1879-1956) Texte verfasst habe, die er „in den Dienst der Nazi-Propaganda stellte und diese als ,Blut- und Bodenliteratur’ bezeichnet werden können“, wie Pille schreibt. Erst vor wenigen Wochen hat sich der Verein der August-Hinrichs-Bühne in Oldenburg nach jahrzehntelanger Diskussion in „Niederdeutsche Bühne am Oldenburgischen Staatstheater“ umbenannt.

Nutznießer der NS-Politik

„Hinrichs war Nutznießer der NS-Politik und ein treuer Paladin des Führers“, argumentiert Pille. „Bereits ab 1935 wurde er Landesleiter des Gaues Weser-Ems der Reichsschrifttumskammer.“ Er sei „ein Werkzeug der Machthaber zur Kontrolle, Mobilisierung und letztlich zur Gleichschaltung des Kulturlebens“ gewesen, obwohl er Kenntnis von den Bücherverbrennungen gehabt habe. Seine Aufgabe sei es gewesen, „regionale Aktivitäten einzelner Verbände zu koordinieren und Einzelmitglieder zu kontrollieren mit dem erklärten Ziel, den Berufsstand von unerwünschten ‚Elementen‘ und den Büchermarkt von ‚undeutschem Gut‘ rein zu halten“.

NSDAP-Mitglied Hinrichs sei 1944 als „Helfer des Führers“ zum Ehrenbürger der Stadt Oldenburg ernannt worden. Die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft überreichte Hitler 1939 persönlich, im selben Jahr wurde die Niederdeutsche Bühne im Staatstheater Oldenburg ihm zu Ehren in „August-Hinrichs-Bühne“ umbenannt. Zum Führergeburtstag 1941 habe er in der Anthologie „Dem Führer – Worte deutscher Dichter“ geschrieben: „Viele Helden gebiert ein Volk und gräbt ihre Namen zu langem Gedächtnis mit ehernem Griffel in steinerne Male. Zeichen und Male zerfallen, die Namen verwehen. Unauslöschbar nur dauert, wer seinen Namen durch übermenschliche Tat mitten hinein schrieb ins lebendig aufglühende Herz seines Volkes. Dort lebt er und leuchtet durch alle Zeiten.“

Alternativvorschlag: Bernhard Gründing

Als Alternative zur August-Hinrichs-Straße schlägt Martin Pille den Kaufmann Bernhard Gründing als Namensgeber vor. Er habe durch sein mutiges Vorgehen zahlreichen Böselern das Leben gerettet. Als die kanadischen Truppen im Mai 1945 in Bösel einrückten, waren viele Familien ob der Bedrohung ins Vehnemoor gezogen, wo sie auf Einzelhöfen oder im Freien Schutz suchten und übernachteten. Doch auch viele deutsche Soldaten hatten sich dort versteckt, was für die Zivilisten sehr gefährlich wurde.

Die Kanadier bemerkten den Rückzug der deutschen Soldaten und es begann ein starker Beschuss mit Panzergranaten und Maschinengewehren. Kaufmann Bernard Gründing handelte sofort entschlossen und mutig. Er ließ seinen Sohn Heinz das Unterhemd ausziehen, knüpfte es an einen Stock und ging damit als weiße Fahne den Kanadiern entgegen. Er erreichte die Kanadier wohlbehalten und handelte eine Feuerpause von drei Stunden aus. Alle Zivilisten konnten das Moor verlassen und sich in Sicherheit bringen.

Hätten die deutschen Soldaten Gründing mit der weißen Fahne angetroffen, wäre er mit Sicherheit wegen „Wehrkraftzersetzung“ standrechtlich erschossen worden, schreibt Pille. Die in Bösel kämpfenden deutschen Soldaten waren Teile der Division „Großdeutschland“, die nach der Anordnungsparole Martin Bormanns handelten: „Kampf bis zum letzten Atemzug – Siegen oder fallen“. Pilles Schlussfolgerung: „Bernhard Gründung hat damals mit seinem mutigen Vorgehen zahlreiche Menschenleben gerettet, eine Lebensleistung, die ausreicht, um eine Straße nach ihm zu benennen.“

Damit sei Hinrichs Lobredner eines Mannes, „der 70 Millionen Kriegstote, 6 Millionen ermordete Juden und zahllose in Hitlers Augen ,lebensunwerte Untermenschen’ wie Behinderte, Sinti und Roma sowie Homosexuelle auf dem Gewissen hat“, schreibt Pille.

Opfern etwas schuldig

Nach dem Krieg habe Hinrichs weder die völkische Position seiner Theaterstücke zurückgenommen oder seine völkische Heimatideologie insgesamt reflektiert, noch sich von seiner Rolle in der Nazi-Zeit distanziert oder sich kritisch geäußert. Pilles Schlussfolgerung: „Ich bin der Meinung, dass Hinrichs’ Lebensleistung nicht dafür ausreicht, eine Straße nach ihm zu benennen. Deshalb sollte die August-Hinrichs-Straße umbenannt werden. Diesen Beschluss ist der Gemeinderat allen Opfern der Nazis schuldig.“ Weitere August-Hinrichs-Straßen gibt es in Oldenburg, Bad Zwischenahn, Edewecht, Wiefelstede und Bremen.

Eva Dahlmann-Aulike
Eva Dahlmann-Aulike Redaktion Münsterland
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