CLOPPENBURG - CLOPPENBURG - „Seit 20 Jahren bin ich im Schuldienst. Solch eine Solidarität habe ich noch nicht erlebt und hätte sie auch nicht für möglich gehalten. Ich bin schwer beeindruckt von meinen Schülern“, sagt Klassenlehrerin Brigitte Kemper. Eine ihrer Schülerinnen in dieser Klasse 11 am Wirtschaftsgymnasium in Cloppenburg ist Pinar Sarioglu, die mit ihrer kurdischen Familie vor der Abschiebung in die Türkei steht. Sie muss jeden Tag damit rechnen, dass Polizisten des Landeskriminalamtes an ihrer Wohnungstür in Garrel klingeln. In dem Fall bleibt der Familie 15 Minuten bis zur Abfahrt zum Flughafen.
Es ist aber nicht nur diese Klasse 11, die sich dafür einsetzt, das Pinar und ihre Familie in Deutschland bleiben dürfen. Die gesamte Berufsbildende Schule am Museumsdorf demonstriert. Schüler tragen T-Shirts mit Aufdruck. Auf dem Schulhof hängen Transparente mit Solidaritätsbekundungen, Jugendliche bastelten Hüte mit Schriftzug. Gestern wurde während der dritten Stunde eine Sendung des BBS-Schülerradios ausgestrahlt, um auch den letzten Schüler zu informieren und einzubinden.
Rein rechtlich ist der Fall Sarioglu im Grunde abgeschlossen. Der Asylantrag wurde abgelehnt, die Familie besitzt kein Aufenthaltsrecht, ist somit zur Ausreise verpflichtet. Das ist auch den Schülern klar. Doch für sie gibt es auch eine menschliche Seite der Geschichte. Schließlich lebe die 18-jährige Pinar seit elf Jahren im Kreis Cloppenburg. „Die Abschiebung erscheint uns willkürlich“, sagt Klassensprecher Michael Licher während einer Diskussion nach der Radiosendung. „Es gibt so viele Menschen in Deutschland, die hier illegal leben. Pinar dagegen ist hier integriert, sie kennt Deutschland, nicht jedoch ihre Heimat.“
Wenn Pinar zurück in die Türkei abgeschoben werde, berichtete Rahmi Tuncer vom Verein Pro Asyl in einem Interview in der Radiosendung, müsse sie sich anders kleiden, anders verhalten und wäre als Kurdin in der Türkei benachteiligt, so dass sie kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz hätte. „Das wäre der Weg zurück in die Steinzeit“, reagierte ein Schüler. „Wir können uns nicht vorstellen, dass der deutsche Staat so rücksichtslos ist“, meinte Radiomoderator Matthias Grimme. In dem Moment war so manchem Schüler und mancher Schülerin anzumerken, dass sie sich für ihr Land schämen.
Einer der Betreuungslehrer für die BBS-Schülervertretung, Antonius Block, äußerte eine politische Forderung. Der Staat sollte bei den alten Asylanträgen, die bereits viele Jahre zurückliegen, einen Schnitt machen und diese Menschen auch rechtlich in Deutschland integrieren. Block fuhr gestern kurzerhand mit dem Sprecher der Schülervertretung, Maik Landwehr, nach Visbek, wo Ministerpräsident Christian Wulff weilte. Sie übergaben ihm ein Schreiben der Klasse elf, in dem der Fall der Familie Sarioglu geschildert wird und die Schüler sich gegen die Abschiebung aussprechen. Wulff habe sich gesprächsbereit gezeigt, so Block, und gesagt, er könne sich vorstellen, dass Pinar bis zum Abitur hier bleiben könne. Schließlich stehe Niedersachsen auch für Humanität.
