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NWZonline.de Region Cloppenburg Kultur

Klarer Sieg für die Zeit und die Erkenntnis

14.09.2018

Friesoythe In Mode sind derzeit jene roten Linien, die Politiker gern ziehen, um dann deren Überschreiten zu erleben. Bei ideellen Werten gelingen Grenzziehungen eher. In diesem Sinne erlebten die Hörer am Mittwoch in der Pfarrkirche St. Marien in Friesoythe zweieinhalbe kurzweilige Stunden lang einen musikalischen Streit zwischen vier allegorischen Figuren: Wer sichert dem Menschen am besten das Seelenheil? Klarer Sieg für die „Zeit” und die „Erkenntnis.” Sie setzen die rote Linie vor vergängliche „Schönheit” und „Vergnügen.”

Georg Friedrich Händel hat das Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno” 1705 in Italien komponiert. Und beim heftig gefeierten Gastspiel des Musikfestes Bremen sorgten vier brillante Solisten und das Freiburger Barockorchester dafür, dass die Musik so frisch wieder entsteht wie zu Zeiten des damals sehr jungen Komponisten.

René Jacobs ist ein mit allen Wassern der historisch orientierten Aufführungspraxis gewaschener Dirigent. Mit den 26 Instrumentalisten erbaut er ein großes Theater der Klangvielfalt, der überbordenden Koloristik und eines rhythmischen Flusses, der immer wieder über Stromschnellen rauscht. Höchste Lebendigkeit macht die Beliebtheit der Freiburger aus. Die höchste Präzision ist ihre Wertmarke. Da mag die Musik noch so dramatisch bewegt losbrechen, oder einfach anmutig schwerelos daher kommen.

Im weiten Kosmos dieser Musik schlagen die vier Solisten die Pflöcke ein. Händel hat sie mit elegant geschwungenen, sängerfreundlichen und trotzdem virtuosen Arien bedacht, die aber immer wieder in heftige Emotionen hinein stürmen. Benno Schachner bleibt mit seinem sauber geführten Countertenor als Desinganno/Erkenntnis mit der Sicherheit, dass an ihm kein Weg vorbei führt, fast eine Spur zu edel. Da streut James Way als Tempo/Zeit mit seinem auch stimmwuchtigen Tenor eher aggressive Frechheit ein.

Doch neigt sich der Hörer nicht doch ein bisschen den vergnüglicheren Figuren zu? Sunhae Im (Bellezza/Schönheit) deckt mit ihrem Sopran einen weiten Raum zwischen tiefer Emotion, glockenhellem und beweglichem Schöngesang und Empathie ab. Da greift die Musik plötzlich unmittelbar ans Herz. Robin Johannsen (Piacere/Vergnügen) ist die Königin des Hochdramatischen, die mit ihren Koloraturen alle auf Schleuderfahrten mitnimmt. Doch dann fließt bei ihr im „Lascia la spina – Lass die Dornen, pflücke die Rosen” eine tief ergreifende Innigkeit ein.

Nanu? Kommt einem diese Arie (und auch einige andere) nicht bekannt vor? Natürlich. Händel hat sie vier Jahre später erneut in seiner Oper „Rinaldo” genutzt, als brillante Zweitverwertung. Im Barock haben eher namenlose Komponisten oft Stücke berühmter Kollegen als eigene ausgegeben. Wer später berühmt war, wie Händel, der nutzte eigene Arien erneut. Und diese ist am Ende seine vielleicht bekannteste geworden.

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