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NWZonline.de Region Cloppenburg Kultur

Szene: Dorf-Disco mit eigenem Charakter

23.12.2017

Harkebrügge „Smells Like Teen Spirit“ – Kein anderes Lied verbinde ich musikalisch so sehr mit den 1990er Jahren wie diesen Song von „Nirvana“. Zugegeben, bis heute verstehe ich nicht jede der lyrischen Textzeilen, die Kurt Cobain damals zu Papier brachte. Doch „Hier sind wir, nehmt uns wie wir sind“ (frei übersetzt) hatte ich als 17-Jähriger sehr wohl verstanden.

Da waren wir nun. Eine Horde Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsensein. Längere Haare, Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Dann noch eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel, mit Freunden abhängen, ein bisschen Party feiern und Bassist in einer Garagenband namens „Shit Happens“. Das reichte zum Glücklichsein. Halt. Nicht ganz. Denn zum perfekten Glück gehörte ein ganz bestimmter Ort: Das „Charts“ in Harkebrügge.

Zweites Zuhause

Die Disco sollte für ein paar Jahre mein zweites Zuhause werden. In diesem Laden an der Dorfstraße hatte ich gefühlt mehr Zeit verbracht als Zuhause, oder in der Schule. 1991 trat ich erstmals über die Türschwelle der Diskothek. Vorbei am eigentlich viel zu kleinen Kassen- und Garderobenraum stand man gleich mitten im Geschehen. Räumlich war es kein Highlight. Tanzfläche, Leinwand, erhöhter DJ-Bereich, lange Theken, separates Bistro (mit sehr leckeren Baguettes) und Teestube im Keller. Es war dunkel, laut, schmuddelig. Für eine Disco nicht wirklich ungewöhnlich. Darum ging es aber auch nicht. Es ging um den (Zeit-)Geist, der in diesen Räumen herrschte. Und es ging darum, welche Musik gespielt wurde.

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Grunge hieß die Zauberformel Anfang der 1990er Jahre. Diese ganz eigene Mischung aus Rock, Heavy Metal, Punk und Alternative erfasste mich und viele meiner Freunde. „Nirvana“, „Soundgarden“, „Pearl Jam“. Noch heute drehe ich die Musikanlage bei Songs wie „Come As You Are“, „Black Hole Sun“ oder „Alive“ auf Anschlag. Im gleichen Atemzug gehören für mich aber auch die ganzen Crossover-Bands dazu. „Faith No More”, „Clawfinger”, „Rage Against The Machine”, „Body Count”, „Dog Eat Dog” und, und, und. Im Radio fanden diese Bands so gut wie gar nicht statt. Im „Charts” schon, stundenlang. Die dazugehörigen Musikvideos gab es auf der großen Leinwand oftmals gleich mit dazu. Genial. Hier fühlte ich mich wohl.

Die DJs hatten aber deutlich mehr drauf als den aktuellen Grunge-Hype. „The Doors“ , „U2“, Iggy Pop, Jamiroquai, „The Cure“, „Tool“, Lenny Kravitz, David Bowie, „Massive Attack“, „R.E.M.”, „Joy Division“ – Die Playlist war jedes Wochenende prallvoll und jedes Mal eine echte Offenbarung. Der damalige „Charts“-Inhaber Wolfgang Schönenberg (leider viel zu früh verstorben) legte selber auf und hatte auch bei der Auswahl seiner DJs immer ein glückliches Händchen.

Es wurden auch immer wieder Live-Bands in das kleine Dorf geholt. Vier Konzerte durfte ich selbst miterleben. Zum einen „Phillip Boa and the Voodooclub“ (1991). Die Band war damals voll angesagt. Es wurde sogar extra ein riesiges Zelt an die Disco gebaut. Der Auftritt war einfach super. An „Das Auge Gottes“ (1994) kann ich mich eigentlich so gut wie gar nicht mehr erinnern. Schade eigentlich. Umso mehr kann ich mich an den Auftritt von Hermann Brood (1995) erinnern. Aber eher im negativen Sinne. Ein sehr skurriler Auftritt eines lustlosen, arroganten Künstlers. Weniger bekannt, aber richtig klasse und schön verrückt war dagegen die Band „Madonna HipHop Massaker“ (1996).

Das „Charts“ war aber nicht nur die Summe aus guter Musik und netten Leuten. Das „Charts“ verkörperte auch eine Haltung. Und das erlebt man in der heutigen Zeit in der ohnehin raren Disco-Szene kaum noch. Das „Charts“ übernahm gesellschaftspolitische Verantwortung. Dabei ging es überhaupt nicht um Parteipolitik. Die Diskothek stand einfach für Werte wie Toleranz, Vielfalt, Weltoffenheit, Umweltschutz und Frieden. Und ganz wichtig: Es wurde ganz unmissverständlich gegen Rechts Position bezogen. Das gefiel mir außerordentlich gut und prägt mich bis heute.

Mitte der 1990er Jahre begann aber plötzlich etwas, was nur schwer zu deuten ist. Eine richtige Erklärung habe ich dafür bis heute nicht. Immer weniger Leute fanden den Weg ins „Charts“. Das war keineswegs ein alleiniges Problem der Harkebrügger Disco, sondern ein generelles Phänomen. Die Besucherzahlen gingen schleichend zurück – und somit auch die Wirtschaftlichkeit. Letztere ist trotz aller Leidenschaft für die Sache fundamental wichtig. Wolfgang Schönenberg riss 1996 die (erste) Reißleine.

Kaum zu glauben, aber das „Charts“ machte dicht. Nach fast 19 Jahren. Sechs Jahre davon war das „Charts“ ein fester Bestandteil meines Lebens. Rückblickend ganz klar eine der geilsten Zeiten meines Lebens.

Klar, es gab noch Versuche, die Disco zu retten. Unter anderem durch einen neuen Namen: „Sounds“. Später dann nochmal „Charts“. Aber es war nicht mehr das gleiche. Die Luft war raus. 1999 war das Ende besiegelt.

Remember-Partys

Und heute? Das Gebäude steht noch an der Dorfstraße. Eine Ruine. Auf der einen Seite ist es extrem schade, das Haus in so einem schlechten Zustand zu sehen. Auf der anderen Seite: Wann immer ich durch Harkebrügge fahre, erinnert es mich immer an die grandiose Zeit, die ich dort verbringen durfte.

Außerdem fühlen sich „Charts“-Stammgäste ja bis heute irgendwie verbunden. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Oldenburger „Polyester“ hin und wieder „Remember Charts Harkebrügge“-Partys gefeiert werden. Organisiert werden diese von Sven Strohschnieder und Stefan Mühlhaus. Die nächste Party findet übrigens am 17. Februar 2018 in Oldenburg statt. Eine Facebook-Gruppe mit bislang 562 Mitgliedern gibt es natürlich auch (Charts Harkebrügge).

Somit bleibt abschließend festzustellen: Auch wenn das „Charts“-Gebäude in Harkebrügge heute ein Fall für die Abrissbirne ist, Tod ist das „Charts“ und sein Geist noch lange nicht.

Carsten Bickschlag Redaktionsleitung Cloppenburg/Friesoythe / Redaktion Münsterland
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