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NWZonline.de Region Cloppenburg Kultur

Kanadier zündeten evangelische Kirche an

30.04.2015

Friesoythe Als sich der Beschuss der kanadischen Truppen auf die Stadt Friesoythe in der Nacht auf den 14. April 1945 verstärkt, werden auch die evangelische Kirche und das Pfarrhaus beschädigt. Beschädigt, aber nicht zerstört. Erst einen Tag später, am 15. April, seien beide Gebäude angezündet worden, wie Uwe Löwensen der NWZ  berichtet. Er war 14 Jahre lang bis 2007 in Friesoythe als evangelischer Pastor tätig. „Die evangelische Kirche ist von betrunkenen Soldaten abgebrannt worden“, sagt Löwensen.

Das Leben geschenkt

Dies könnten Zeitzeugen bestätigen. Mit zwei davon habe der 71-Jährige, der heute in Bad Zwischenahn lebt, gesprochen. Unter anderem mit Martin Meyer, dem Sohn von Rudi Meyer. Letzterer war der erste evangelische Pfarrer in Friesoythe. Meyer hat am 15. April 1945 mit seiner Frau, ihren fünf Kindern und einer Nachbarsfamilie im Pfarrhaus gesessen, als die kanadischen Truppen kamen und sie aufforderten, das Haus zu verlassen. Sie hätten nicht einmal ihre Papiere mitnehmen dürfen, so Löwensen.

Pfarrer Meyer habe protestiert. Doch die Kanadier hätten die Familie darauf hingewiesen, dass die Deutschen in der Situation einfach das Haus abgebrannt hätten – und zwar ohne sie vorher zum Gehen aufgefordert zu haben. „Eine Tochter von Pfarrer Meyer hat mir später als Erwachsene erzählt, dass die Kanadier ihnen so das Leben geschenkt hätten“, sagt Löwensen. Die Zerstörung von Kirche und Pfarrhaus ist vermerkt in dem Buch „Die Geschichte der Stadt Friesoythe“, 2008 herausgegeben von Albrecht Eckhardt und der Stadt Friesoythe. Darin schreibt Tim Unger: „Versuche des Pfarrers, die offenbar betrunkenen Soldaten auf die Neutralität der Kirche hinzuweisen, wurden mit dem Hinweis ,Kirche auch Nazis, alle Deutschen schlecht, Hitler auch Kinder getötet, Deutsche auch so gemacht’ beantwortet.“

Auch Meyers Sohn Pfarrer i.R. Martin Meyer (Vechta), kann sich noch an den 15. April erinnern. „Ich war sieben Jahre alt“, sagt er. „Friesoythe war abgebrannt. Wo heute der Sprachheilkindergarten ist, war früher das evangelische Pfarrhaus.“ Nachdem die Familie und die Nachbarsfamilie aus dem Pfarrhaus herausgegangen waren, hätten die Kanadier es angesteckt. „Wir sind dann gegenüber in die Kirche gelaufen“, sagt Meyer. „Mein Vater hat sich die Bibel geschnappt.“ Danach seien sie nach Altenoythe geflohen.

Notkirche aus Holz

Wie Tim Unger weiter in dem Buch schreibt, habe Pfarrer Meyer damals versucht, den Grund für die Übergriffe zu erfahren. Von kandischer Seite sei er aufgeklärt worden, dass ein Friesoyther den Soldaten den Weg zur Kirche gewiesen habe mit den Worten, dass es eine Nazikirche gewesen sei und die Wachleute des Konzentrationslagers Esterwegen dort zur Kirche gegangen seien. „Meyer kommentierte diese Einschätzung so, einige Frauen der Wachleute, soweit sie überhaupt noch evangelisch gewesen seien, hätten durchaus seine Gottesdienste besucht. Aber die Kanadier haben wohl gemeint, es handele sich um eine deutschgläubige Religionsgemeinschaft“, schreibt Unger.

Später wurde eine Notkirche aus Holzbaracken errichtet und am 17. November 1946 eingeweiht. Am 19. Dezember 1948 brannte sie vollständig ab. Die Ursache blieb im Unklaren.

Gemeindemitglieder und Nachbarn konnten nur noch das Harmonium und den Altar mit Leuchter retten. Und auch die Bibel, zum zweiten Mal.

Friesoythes erster evangelischer Pfarrer, Rudi Meyer BILD: Die Geschichte der Stadt Friesoythe

Rudi Meyer über die Zerstörung von Pfarrhaus und Kirche

Rudi Meyer hat aufgezeichnet, wie Pfarrhaus und Kirche am 15. April 1945 in Brand gesteckt wurden. Die Aufzeichnungen befinden sich in der Altarbibel von 1902. Er schreibt: „Diese Altarbibel befand sich bei der Gründung der Kirchengemeinde 1935 in der Kapelle in Friesoythe, dort wahrscheinlich bei der Einweihung 1912 gestiftet. 1945, am 15. April, dem Sonntag Miserikordias Domini, nahm ich die Bibel zu meiner persönlichen Benutzung aus der Kirche, als feindliche (kanadische) Truppen das Pfarrhaus in Brand gesteckt hatten, und ich und meine Familie nichts, nicht einmal eine Bibel, gerettet hatten. Eine Stunde später wurde auch die Kirche angezündet und mit allem Inventar, bis auf die im feuersicheren Schränkchen in der Wand der Sakristei untergebrachten Abendmahlsgeräte, ein Raub der Flammen. So wurde diese Bibel und das Abendmahlsgerät als einziges aus dem Besitz der Kirchengemeinde gerettet, die im übrigen alles (Kirche, Pfarrhaus, Kirchenbücher, Akten, Rechnungsunterlagen usw.) einbüßte. Alles Äußere (Gebäude, Orgel, Glocken, Talar, Papiere) gingen verloren. Nur diese Bibel und der Kelch mit Zubehör blieben: Wort und Sakrament! Außerdem blieb ein großer schmiedeeisener Altarleuchter, der zugleich das Kruzifix enthält, von der ersten Ausstattung der Kirche 1912 erhalten, weil er zur Zeit in einer Kapelle in Edewechterdamm benutzt wurde. Diese Kapelle fiel auch den Kämpfen zum Opfer und der Leuchter, der erhalten blieb, kehrte zurück nach Friesoythe.“

Tanja Mikulski
Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2902

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