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NWZonline.de Region Cloppenburg Kultur

Wenn der Ruhm zum Verhängnis wird

06.02.2016

Friesoythe Die Flüchtlingsunterkunft ist schlicht und spartanisch eingerichtet. Im kleinen Wohnzimmer steht ein altes Sofa, davor ein Tisch mit Aschenbecher. Gegenüber flimmert der Fernseher, als Mülleimer muss ein leerer Schuhkarton herhalten. Es gibt irakischen schwarzen Tee mit „lüttje Kluntjes“.

Hier wohnen Dalal Qochbagi (gesprochen etwa: Kuschbagi) und seine Frau Basna. Was vermutlich kaum einer in Friesoythe weiß: Qochbagi ist unter dem Namen „Dalal Zaxoyi“ ein Popstar – zumindest in seiner Heimat. Sein Gesicht kennt dort fast jeder aus dem Fernsehen, seine Lieder werden im Radio gespielt, zu seinen Konzerten kamen tausende Fans.

Der 44-Jährige stammt aus der Stadt Zakho im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak. Bis zum vom so genannten Islamischen Staat (IS) beherrschten Mossul sind es von dort nur 120 Kilometer.

Als Kurde ohnehin im Visier der Islamisten, wurden ihm seine Bekanntheit und sein Lebensstil zum Verhängnis. „Ich wurde von der Terrormiliz Islamischer Staat bedroht“, sagt Qochbagi. Musik gelte den Extremisten als Teufelszeug. „Dafür werden Leute gefoltert und getötet.“

Der Musiker wollte sich die Drohungen nicht gefallen lassen, antwortete auf Hassnachrichten bei Facebook und sprach sich öffentlich für Toleranz aus, sagte, dass er für diesen Islam nichts übrig habe. „Ich habe meinen Mund nicht gehalten“, sagt er.

Dass Qochbagi auch gelegentlich Alkohol trinkt, machte ihn noch mehr zur Zielscheibe. Er sei beschimpft und sein Auto verunstaltet worden, mehrere Anschläge habe er erlebt. Qochbagi wurde paranoid. „Ich hatte immer Angst, dass ich verfolgt werde“, sagt er. Irgendwann habe die Polizei gesagt, dass sie ihn nicht schützen könne.

Qochbagi wollte weg. Raus aus Kurdistan.

Er habe das Gefühl gehabt, in „der falschen Ecke“ zu leben. Eigentlich fühle er sich wie ein Westeuropäer. „Frei“ wolle er sein. Was in seiner Heimat passiert, „ekle“ ihn an.

Also flüchtete er. Erst in die Türkei, von dort weiter nach Griechenland. Bei der Überfahrt kenterte das Boot. „70 Menschen sind dabei gestorben. Wir trieben stundenlang im Wasser“, sagt er. Seine Frau und er selbst hätten nur knapp überlebt. In den Medien wurde er zwischenzeitlich für tot erklärt. Über die Balkanroute ging es schließlich weiter – bis er letztendlich im Oldenburger Land ankam.

Und hier, in Sicherheit, will er wieder Musik machen. Seinen ersten Auftritt in Friesoythe hatte Qochbagi am Freitag im Franziskushaus.

Er singt auf kurdisch, arabisch, türkisch und auch spanisch. „Manchmal werde ich gefragt, warum ich als Kurde auf türkisch singe, obwohl Kurden und Türken verfeindet sind“, erzählt er. „Aber mir ist das egal. Als Künstler muss man offen sein.“

Er könne jeden Stil spielen und singen, aber typisch für arabische Musik sei ein langsamer romantischer Stil. In seinen Liedern gehe es um die Liebe, aber auch um seine Heimat, das Leid der Kurden und die Peschmerga. Auch Folk gehöre zu seinem Repertoire. Der Sänger begleitet sich selbst auf der Saz, einer orientalischen Gitarre. Im Franziskushaus stand ihm zudem Flüchtlingsbetreuer Fadi Constantin mit der Trommel zur Seite.

Er hoffe, auch in Deutschland von seiner Musik leben zu können. Zurück in den Irak will er nicht, Deutschland sei seine neue Heimat. Dafür, dass er hier sein darf, sei er dankbar – egal in welcher Unterkunft. Dennoch hofft er, dass die Kurden irgendwann einen eigenen Staat haben werden. „Aber das ist sehr unwahrscheinlich“, sagt er.

Also übt er Deutsch, um vielleicht einmal ein deutsches Lied schreiben zu können. Bis es soweit ist, probt er mit Hilfe einer Karaoke-App auf seinem Smartphone schon einmal die deutsche Nationalhymne.


  https://www.youtube.com/watch?v=z1ruqe3yssq 
Christopher Hanraets Varel / Redaktion Friesland
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