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Als die kanadischen Tiefflieger kamen...

22.04.2015

Neulorup /Neuvrees „Wenn mein Vater nervös wurde, hatte ich Angst“, sagt Anni Rolfes aus Neulorup. Denn dann habe sie gewusst, dass wieder etwas passieren würde. Die heute 80-Jährige erinnert sich an die letzten Kriegstage in Neuvrees. Denn dort stand damals ihr Elternhaus.

Es war am 10. April 1945. Die Front kam näher und die damals Zehnjährige war zusammen mit ihren Eltern auf der Hochzeit ihrer Tante. „Sie ist bei meinen Eltern groß geworden. Ihre Eltern sind früh gestorben“, sagt die Neuloruperin. Man habe nur klein gefeiert, erinnert sie sich. „Jeder hatte Angst. Wir hörten Böller von der Front“, sagt Anni Rolfes. Abends habe sie zu ihren Eltern gesagt, dass sie nach Hause gehen wolle – etwa drei Kilometer Fußweg entfernt. „Meine Eltern wollten das nicht“, sagt sie. Trotzdem sei sie losgegangen.

Angst bekommen

„Ich war auf halbem Wege, da kamen Tiefflieger. Ich habe Angst bekommen“, sagt Anni Rolfes. Sie versteckte sich in einem ihr bekannten Haus. „Danach bin ich weitermarschiert.“ Als sie zu Hause war, waren dort ihre Großtante und ihr Großonkel mit deren Tochter, deren Schwiegertochter mit ihrem Kind und einer Nachbarsfrau mit ihrem Kind. „Es dauerte nicht lange, dann kamen auch meine Eltern. Der Tross hatte auf dem Weg dem Vater geraten, das Haus zu verlassen und ins Feld zu ziehen.

Und das tat die Familie. Sie hatten eine Hütte bei der Eismoorstraße. Zusammen mit ihrem 15-jährigen Bruder, der Großtante, dem Großonkel, deren Tochter, der Schwiegertochter und der Nachbarsfrau mit den Kindern sowie mit Wagen und Pferden machte sich Anni Rolfes auf den Weg dorthin. Das war morgens im Halbdunkeln am 11. April. Sie habe noch nicht mitkommen wollen, erinnert sich Anni Rolfes. Sie wollte mit ihren Eltern gehen. Da ihr Vater aber an einem schweren Magenleiden litt, wollte die Mutter ihm erst noch Brei kochen. Auch sollten die Kühe noch auf die Weide.

In der Hütte hätten sie und ihr Bruder abwechselnd immerzu gebetet. „Mein Großonkel hat gesagt: ’Wenn ich schreie, legt Euch hin’.“ Und auf einmal schrie er. Die Kanadier fingen an zu schießen und alle legte sich hin. Die Nachbarin bemerkte plötzlich Blut am Bein von Anni Rolfes’ Bruder. Aber das Blut stammte nicht von ihm. Ein Schuss hatte die Cousine des Vaters in den Kopf getroffen. „Die Eltern schrien und weinten“, sagt die 80-Jährige. Als dann ihre eigenen Eltern kamen, habe ihr Vater ein weißes Lacken an einen Stock gebunden und auf der Hütte befestigt. Danach sei die Hütte nicht mehr so durchschossen worden.

Die Leiche wurde in Bettlaken gewickelt und in einen Graben gelegt. „Wir haben etwas darüber gedeckt.“ Ihr Vater und Bruder seien zur Weide gekrochen und hätten die Pferde geholt. Das Nötigste sei auf den Wagen gekommen. Durch den Graben sind dann alle nach Hause gekrochen.

Die Kühe brüllten

Wieder beim Haus angekommen, gingen alle in den Luftschutzkeller. „Die Kühe brüllten morgens“, erinnert sich Anni Rolfes. Sie mussten gemolken werden. So musste die Mutter über die Straße zur den Kühen kriechen. Drei Tage seien sie im Keller gewesen. „Als wir von der Hütte zurückkamen, brannte auch die Mühle der Kramers“, sagt die Neuloruperin. Die Kanadier hätten gesehen, dass auf der Straße noch deutsche Soldaten liefen und durchgefunkt, dass sie „flachgelegt werden soll“. Tiefflieger kamen, hatten die Mühle aber nicht mehr gefunden und somit die Straße Hinterberg platt gemacht. „Lehrer Steenken ist dabei in seinem Haus umgekommen.“

Große kanadische Geschütze seien in Gehlenberg und Neuvrees verteilt gewesen. „Sie haben Friesoythe flachgelegt.“ In Nähe des Elternhauses richteten die Kanadier ein Lazarett ein. Sie erlaubten den Nachbarn, die Leiche des Kindes auszugraben. „Sie haben sie auf unsere Diele gebracht.“ Anni Rolfes kann sich noch genau daran erinnern, dass an dem blauen Mantel des Mädchens ein Knopf fehlte. Der Leichnam wurde auf dem Friedhof in Gehlenberg begraben.

Tanja Mikulski
Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2902

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