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NWZonline.de Region Cloppenburg Politik

Erinnerung: „Bilder wird man nie vergessen können“

29.01.2015

Bösel /Overlahe Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal. Doch spätestens mit dem Ende des Krieges ging auch eine unvergleichliche Welle der Vertreibung los. Die Deutschen in den Ostgebieten waren in ihrer alten Heimat nicht mehr erwünscht. Sie kamen in großen Massentransporten aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien.

So wie Franz Hunstiger. Er wurde in Paulsdorf/Posen in Oberschlesien geboren, die Eltern bewirtschafteten dort eine 16 Hektar große Siedlerstelle. „Im Februar 1945 begann für mich als Zehnjähriger die erste Vertreibung in den Westen“, schreibt Franz Hunstiger in der Chronik, die anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Ortschaft Overlahe entstanden ist. Von den Siedlern dort kamen 16 Landwirte aus den ehemaligen Ostgebieten – darunter Familie Hunstiger –, zwei aus Südoldenburg.

692 Vertriebene 1950 in der Gemeinde Bösel

Zwölf bis 14 Millionen Deutsche aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches sind nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden. Hass und Zerstörung sind häufig die Reaktion auf die Nazi-Gewalt.

Im Oldenburger Land galt es, rund 200 000 Vertriebene aufzunehmen aus Ost- und Westpreußen, Pommern und Schlesien. Die Zahl der Bevölkerung stieg somit binnen kurzer Zeit um 24 Prozent auf 800 000.

Im Landkreis Cloppenburg mussten rund 20 000 Vertriebene aufgenommen werden. Nach Angaben des Niedersächsischen Amtes für Landesplanung und Statistik lag der Anteil der Vertriebenen 1950 in Cloppenburg bei fast 3000 Einwohnern. In Friesoythe lag der Anteil bei 570, in Altenoythe bei 520, in Barßel bei 864. In Bösel waren in dem Jahr 692 Vertriebene registriert.

Schon einmal hatte die Familie den Versuch unternommen, in den Westen zu kommen. Die Züge waren aber heillos überfüllt, ein Mitkommen unmöglich. „Später erfuhren wir dann, dass dieser Zug sein Ziel nie erreicht hat“, berichtet Franz Hunstiger. Der Zug wurde durch einen Bombenangriff bei Dresden völlig zerstört. Doch kurze Zeit später kam der Befehl, sie hätten unverzüglich Haus und Hof zu verlassen. Aus Paulsdorf wurden 40 Planwagen hergerichtet, beladen mit Lebensmitteln, Betten, wichtigen Habseligkeiten. Bei bis zu Minus 26 Grad Celsius setzte sich der Treck Richtung Westen in Bewegung.

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Durch metertiefen Schnee kämpfte sich auch Familie Hunstiger, dazu zählten neben Franz die Mutter sowie die neun Monate alte Schwester Gerda, bis ins Sudetengau vor. Ein polnischer Zwangsarbeiter „ging für uns durchs Feuer“, musste die Familie aber schließlich verlassen, um sein eigenes Leben zu retten. Immer wieder griffen Flugzeuge den Treck an. „Die Bilder und Vorkommnisse auf diesem Treck wird man nie im Leben vergessen können“, urteilt Franz Hunstiger. Schließlich kam der Treck nicht weiter, die Deutsche Wehrmacht hatte eine Brücke gesprengt. In Tetschen/Bodenbach kam Familie Hunstiger unter, konnte sich etwas Brot verdienen, in dem sie auf dem Hof half.

Schließlich Dresden. Vom Stadtrand aus mussten Franz Hunstiger und Mutter mit ansehen, wie Phosphorbomben und „Christbäume“, Leuchtbomben, auf die Stadt niedergingen. Der Treck zog durch die völlig zerbombte Stadt, Franz Hunstiger beobachtete, wie russische und polnische Soldaten Leichen aus den Trümmern zogen, um ihnen Ringe, Uhren oder Zahngold zu nehmen. Auch der Treck wurde nicht verschont. Russische Soldaten nahmen den Vertriebenen alles.

Entmutigt durch diese Erfahrung wollten die Paulsdorfer in ihr Dorf zurück. Mit der Bahn kamen sie nicht weit, wieder mussten sie laufen, 30 Kilometer am Tag. Nächte in zerbombten Häusern. Am Wegesrand tote Soldaten, Köpfe mit Stahlhelmen bedeckt. Verwesungsgeruch toter Pferde und Rinder in der Luft. Hier und da große Löcher: Mit Lastwagen wurden tote Soldaten und Menschen herangekarrt, die auf der Flucht gestorben waren, um sie darin zu beerdigen.

Franz Hunstiger schob den Kinderwagen mit Schwester Gerda, im aufgeweichten Boden eh eine Schwierigkeit. Immer wieder löste sich an dem arg ramponierten Wagen ein Rad, dass der gerade einmal Zehnjährige suchen musste. In der Zwischenzeit entfernte sich der Treck. „Welche Angst habe ich ausgestanden“, erinnerte sich Hunstiger.

Der Schock Zuhause: Der Hof war von drei polnischen Familien in Beschlag genommen. Familie Hunstiger wurde zunächst im Armenhaus untergebracht, dann in ein Lager gebracht. Neun Monate hinter Stacheldraht. Kinder von Eltern getrennt, die Verpflegung schlecht.

Schließlich wurden sie in Viehwaggons gepfercht und Richtung Westen verfrachtet. Vier oder fünf Tage im Zug, ab Leipzig mussten sie zu Fuß bis Helmstedt. Sie übernachteten in Kneipen und Scheunen, litten großen Hunger, einmal mussten sie drei Tage lang mit zwei Äpfeln und einer Birne auskommen. Brutalste Vergewaltigungen mussten sie erleben. Die Gräueltaten könne er nur ansatzweise und stark abgeschwächt wiedergeben, schreibt Franz Hunstiger. Mit einem Zug versprengter deutscher Soldaten fuhren sie weiter.

In der Nähe von Helmstedt hausten sie in einer Lagerhalle, auf den richtigen Moment für die Flucht in den Westen wartend. Acht Versuche misslangen, bis schließlich so genannte „Blitzmädchen“ (Wehrmachtshelferinnen) die Grenzer ablenkten. Schließlich waren sie drüben. Mit dem Bus ging es nach Schloss Neuhaus bei Paderborn. Dort erreichte die Familie die freudige Nachricht, dass der Vater bereits da war. Er war von Österreich zu Fuß geflüchtet. „Es war der glücklichste Moment in meinem Leben, als wir uns endlich auf dem Hof seines Cousins in Meschede wiedersahen.“

Eine Tante vermittelte sie nach Kroge, 1956 startete die Familie einen Neuanfang in Overlahe.

Seit der Wende 1989 war Franz Hunstiger jedes Jahr einmal nach Paulsdorf gefahren. „Wir fahren gerne hin und fühlen uns wohl in der alten Heimat“, schreibt Franz Hunstiger in der Chronik. Er verstarb am 2. Mai 2010.

Reiner Kramer stv. Redaktionsleitung Cloppenburg/Friesoythe / Redaktion Münsterland
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