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NWZonline.de Region Cloppenburg Politik

Brückenbauerin zwischen den Religionen

28.01.2015

Garrel /Cloppenburg Wir drehen das Rad der Geschichte rund 45 Jahre zurück: Claudia Looschen sitzt als Kind im katholischen Religionsunterricht der Grundschule Garrel und fragt sich, wer ist Jesus, wer ist Gottvater und wer der Heilige Geist. „Wer ist denn unser Herr, über wen sprechen die denn jetzt gerade?“, denkt sie sich. Die Dreifaltigkeit als erste große religiöse Frage ihres noch jungen Lebens...

Januar 2015: Die Garrelerin ist 52 Jahre alt. Religion, Religionslehre und Glaube hinterfragt sie noch immer, doch inzwischen ist Claudia Muslima, heißt seit fast 33 Jahren Al Issawi und hat nun selbst vier Kinder, die heute schon zwischen 24 und 31 Jahre alt sind. Die NWZ  hat sie gebeten, über die Gründe für ihre Konversion vor rund drei Jahrzehnten und die persönliche Bedeutung ihrer Religion zu sprechen – nach einigem Zögern und Nachdenken willigt Al Issawi schließlich ein.

„Mit dem Islam habe ich das gefunden, was ich gesucht habe. Ich habe den Schlüssel gefunden für etwas, was in mir angelegt war“, sagt sie an diesem Morgen bei dem Treffen im Wintergarten ihres schmucken Einfamilienhauses. „Es war ein Prozess.“

Am Anfang dieses Prozesses steht eine große Liebe. 1981 lernt die frischgebackene Abiturientin Claudia kurz nach dem Abitur ihren Mann Dr. Maher Al Issawi kennen – einen Arzt aus Damaskus in Syrien. Schon ein Jahr später wird geheiratet – in einer für das katholisch-konservative Südoldenburg der 1980er Jahre geradezu revolutionären Zeremonie. Diese – so Al Issawi – hat das junge Paar gemeinsam mit dem damaligen Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde, Wilfried Hagemann, erarbeitet. Der Gründungsrektor zeigt sich weltoffen – wohl auch, weil er weiß, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Muslimen gibt. „,Großer Gott, wir loben Dich’ zu singen, war für beide Religionen kein Problem“, erinnert sich Al Issawi an ihre Hochzeit. Sie habe nicht ohne Gottes Segen in diese Ehe gehen wollen.

Sie habe sich mit ihrem Mann oft über den Islam auseinandergesetzt, viel gefragt und noch mehr diskutiert. „Ich bin nicht sofort konvertiert und habe oft Zweifel gehabt.“

Dass der Islam häufig als eine intolerante und despotische Religion in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen werde, darüber ärgert sich Claudia Al Issawi. Denn eigentlich habe es im Islam immer verschiedene Auffassungen gegeben, für deren Interpretation es vier Rechtsschulen gebe, die sich jeder Muslim selbst aussuchen dürfe. Das Grundproblem sei, dass der Islam in der westlichen Welt sehr häufig mit der arabischen Kultur in einen Topf geworfen werde. Darüber hinaus – so Al Issawi – lebe ein Großteil der Muslime seit unzähligen Jahren in Diktaturen – auch das habe die Menschen dort geprägt.

Welchen Einfluss hat die Kultur auf die Religion? Claudia Al Issawi will es – wie schon als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene – ganz genau wissen, und wählt wieder einmal einen ungewöhnlichen Weg. Gemeinsam mit ihrer ältesten Tochter Rana (heute 31) beginnt sie das Studium der Wirtschaftsarabistik an der Hochschule Bremen. „Mutter und Tochter gemeinsam am Schreibtisch, eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“ Gerne erinnert sich Al Issawi auch an die einjährige Studiums- und Praktikumsphase, die die beiden nach Ägypten und Syrien führt. Nach dem Auslandssemester an die Universität Alexandria geht’s ins Praktikum nach Damaskus. „Und in Alexandria besuchte mein Sohn als unser jüngstes Kind die katholische Mädchenschule“, erklärt Al Issawi mit einem Lächeln.

Zurück in Garrel investiert Al Issawi fortan viel Zeit in das Qualitätsmanagement der Praxis ihres Mannes. Darüber hinaus engagiert sie sich zu dieser Zeit im Vorstand der DITIB-Moschee im Ort.

Und die Zukunft? Über den Islam aufklären, Vorurteile bekämpfen, den Dialog suchen – das alles will Claudia Al Issawi nun in Angriff nehmen. So spricht sie bereits am 4. Februar mit Vertreterinnen der katholischen und evangelischen Kirche in Garrel sowie drei Tage später bei der Männer-Frühstücksrunde des Bildungswerks Cloppenburg. In beiden Gesprächsrunden wird sie dann wohl auch über ihre beiden Pilgerfahrten nach Mekka berichten, die sie 1998 und im Oktober 2014 gemeinsam mit ihrem Mann unternahm.

Nun sucht Claudia Al Issawi also ihre Rolle als Brückenbauerin. „Ich bin zum Islam konvertiert, habe aber nie meine deutsche Kultur aufgegeben.“

Carsten Mensing
Cloppenburg
Redaktion Münsterland
Tel:
04471 9988 2801

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