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NWZonline.de Region Cloppenburg Politik

„Auch im Freundeskreis dagegenhalten“

11.10.2019
Frage: 5,6 bis 6,3 Millionen Juden sind dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen. Deutsche und ihre Helfer führten ihn von 1941 bis 1945 systematisch durch – mit dem Ziel, alle Juden im deutschen Machtbereich zu vernichten. Am Mittwoch wollte ein Mann am höchsten jüdischen Feiertag eine mit 70 bis 80 Menschen besetzte Synagoge in Halle stürmen. Der mutmaßliche Täter – ein 27-jähriger Deutscher – erschießt eine Frau, außerdem einen Mann bei einem Döner-Imbiss. Können sich Juden in Deutschland keine 80 Jahre nach dem Holocaust inzwischen nicht mehr sicher fühlen?
Sieverding: An einigen Orten ist das mit Sicherheit so, wenn ich mir überlege, dass beispielsweise die Synagogen in Dresden, Berlin und Frankfurt rund um die Uhr von Polizei bewacht werden müssen. In Halle stand keine Polizei vor der Synagoge, das hat der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, mit dem Wort „skandalös“ auch deutlich kritisiert. Es gibt viele Juden, die sich sicher fühlen. Es gibt aber auch welche, bei denen das nicht der Fall ist und die überlegen, Deutschland in Richtung Israel zu verlassen.
Frage: Ein Einzeltäter filmte sich offenbar bei seinen Taten und stellte diese live ins Netz. Sorgen das Internet und speziell die sozialen Netzwerke für eine zunehmende Verrohung in der Sprache gegenüber Minderheiten, die dann bei einigen in Gewalttaten und wie jetzt in Halle in Morden mündet?
Sieverding: Das steht für mich außer Frage. Da wird jüngst die ehemalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast von den Grünen im Internet auf Übelste beleidigt. Und ein Gericht stellt fest, dass das von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Ich frage mich: Wie kann man so diese Auswüchse in den sozialen Netzwerken wieder eindämmen?
Frage: Ist Antisemitismus in Deutschland nicht nur am rechten Rand inzwischen wieder salonfähig geworden?
Sieverding: Für die Mitte der Gesellschaft glaube ich das nicht. Allerdings kann eine zunehmende Hervorhebung des Nationalen eine Vorstufe für rassistisches und antisemitisches Denken sein. Das breitet sich erschreckend aus.
Frage: Ist offen zur Schau gestellter Antisemitismus vorwiegend ein ostdeutsches Problem, oder gibt es das so im Westen auch? Und wie sieht es hier im Oldenburger Münsterland aus? Spüren Sie hier auch Antisemitismus?
Sieverding: Die rechtsradikale Identitäre Bewegung hat in Halle als Standort für ihr Hausprojekt ein Gebäude im Steintor-Viertel gegenüber dem geisteswissenschaftlichen Steintorcampus der Universität Halle-Wittenberg bezogen. Von dort werden unter anderem auch Passanten bepöbelt. Und was das Oldenburger Münsterland anbelangt: Hier habe ich bisher noch keine solchen Erscheinungen erlebt. Eher das Gegenteil: Wir haben in Südoldenburg zehn Veranstaltungen zum 9. November, die alle sehr gut besucht sind. Und nicht eine ist jeweils auch nur gestört worden.
Frage: Was macht die Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit im Oldenburger Münsterland gegen Antisemitismus?
Sieverding: Anlässlich der Reichspogromnacht veranstalten wir alljährlich beispielsweise in Cloppenburg eine Gedenkfeier mit Leuchterübergabe. Daran beteiligen sich neun Schulen. Im Vorfeld versuchen wir, die Geschichts-, Sozialkunde- und Religionslehrer dafür zu sensibilisieren, das Thema im Unterricht zu behandeln. Die Lehrer geben sich wirklich Mühe. Darüber hinaus beteiligt sich rund die Hälfte der Schulen an einer Putzaktion für die Stolpersteine, die in der Stadt auf die Häuser und Wohnungen von Juden während der NS-Zeit aufmerksam machen. Außerdem organisieren wir einen jährlichen Schüleraustausch mit Israel. Das hat früher Frank Willenberg vom Clemens-August-Gymnasium gemacht, inzwischen kümmert sich Schulpfarrer Manfred Quatmann.
Frage: Wie kann sich jeder Einzelne latentem Antisemitismus entgegenstellen?
Sieverding: Ich kann nur raten, auch im Freundes- und Bekanntenkreis früh dagegenzuhalten. Ich bin beispielsweise einmal von einem Bekannten gefragt worden, ob wir denn jedes Jahr mit unserer Leuchterübergabe an den 9. November 1938 erinnern müssten. Das sei doch immer das Gleiche. Ich habe ihm entgegnet: Wieso, Du feierst doch auch jedes Jahr Geburtstag?
Carsten Mensing Cloppenburg / Redaktion Münsterland
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