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NWZonline.de Region Cloppenburg Politik

Plötzlich der einzige Arzt weit und breit

09.05.2015

Friesoythe Mitte April 1945. Der Kampf um die Stadt Frie-soythe ist im vollen Gange. Der Granatenbeschuss der Alliierten wird immer heftiger. Der Friesoyther Hausarzt Dr. Otto Heiss entscheidet sich dafür, seine Familie schnell in Sicherheit zu bringen. Auf einem Bauernhof in Bösel findet man – wie rund 30 Leute mehr – Unterschlupf.

Dann der 14. April 1945. Unter schweren Gefechten nehmen die kanadischen Truppen die Stadt ein. Ein Tag, den Dr. Otto Heiss nie vergessen sollte. Zum einen wurde sein Haus im Friesoyther Ortskern völlig zerstört. Darin befand sich auch seine Praxis. Einzig sein Arztkoffer konnte gerettet werden.

Aber viel bedeutender: Sein Arztkollege Dr. Josef Niermann wird an diesem Tag von einem Granatsplitter tödlich getroffen. Plötzlich ist Dr. Heiss der einzige Arzt zwischen Edewechterdamm und dem Emsland.

„Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass wir in Bösel wohnten“, erinnert sich Genoveva Kolhoff, geborene Heiss, im Gespräch mit der NWZ  noch gut an die letzten Kriegstage. Die heute 82-jährige Friesoytherin ist die Tochter des damaligen Landarztes und hat als Zwölfjährige das Kriegsende miterlebt. Viele Kranke und Verletzte kamen zum Hof in Bösel, um sich von Heiss behandeln zu lassen. Oder der Doktor wurde mit Pferd und Ackerwagen zu Hausbesuchen abgeholt. Ein Auto hatten sie nämlich nicht mehr. „Das haben deutsche Soldaten meinem Vater unter Vorhalt einer Pistole geklaut, um schneller vor den Kanadiern zu flüchten“, so die Friesoytherin.

Auch ohne Auto machte sich der Hausarzt täglich auf nach Friesoythe, um in einem notdürftig hergerichteten Zimmer im schwer beschädigten Krankenhaus Sprechstunden abzuhalten. Die Schlange der Patienten war lang. Unterwegs wurde er zudem immer wieder direkt an der Straße von kranken Menschen angehalten. Natürlich half er ihnen.

„Mein Vater war rund um die Uhr im Dienst. Er hat sich in dieser Zeit völlig verausgabt“, sagt die 82-Jährige. Sie habe aber niemals erlebt, dass er gestöhnt oder sich beschwert habe. „Er war halt mit Leib und Seele Arzt, der unermüdlich mit viel Freude den kranken Menschen half.“ Und so hielt er alleine die ärztliche Versorgung in Friesoythe und Umgebung Aufrecht. Dabei nahm er weder Geld noch Naturalien an. „Er war ein guter Arzt, aber ein schlechter Geschäftsmann“, sagt die Tochter. Denn er hätte für seinen Dienst viel verlangen und so für lange Zeit aussorgen können. „Das war ihm aber nicht wichtig. Er war zufrieden, wenn er anderen Menschen helfen konnte.“

Als sich die Lage in Friesoythe wieder etwas entspannte, kehrte Familie Heiss nach ein paar Wochen wieder in die Heimatstadt zurück. Mit acht Personen kamen sie in einer kleinen Wohnung an der Thüler Straße unter. Dort richtete er in einem Nebenzimmer eine provisorische Praxis ein.

35 Jahre lang praktizierte Dr. Otto Heiss in Friesoythe. Er starb am 23. Februar 1954 im Alter von 75 Jahren. „Er hat viel gearbeitet. Wir haben darunter aber nie gelitten, denn er war trotzdem immer gut gelaunt“, erinnert sich Genoveva Kolhoff liebevoll an ihren Vater zurück.

Carsten Bickschlag
Redaktionsleitung Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2900

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