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NWZonline.de Region Cloppenburg Wirtschaft

Erinnerungen an dunkles Kapitel

31.08.2018

Friesoythe /Glaßdorf Wie war das damals eigentlich so während der Nazizeit und vor allem während des Krieges? Viele Personen, die sich an dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte erinnern können, gibt es nicht mehr. Und die, die sich erinnern können, waren damals noch Kinder oder Jugendliche. Schließlich ist die Machtergreifung Hitlers mittlerweile 85 Jahre und das Kriegsende 73 Jahre her.

Der 17-jährige Sebastian Deeken aus Friesoythe wollte es genauer wissen. Im Rahmen einer Facharbeit mit dem Titel „Landwirtschaft unter dem Hakenkreuz“ begab sich der Schüler des Albertus-Magnus-Gymnasiums auf Spurensuche. Die NWZ begleitete ihn dabei, wie er zwei Zeitzeugen zu Hause besuchte und befragte.

Angst vor dem Nachbarn

Anneliese Gehlenborg, geborene Kenter, Jahrgang 1931, war noch ein kleines Kind, als die Nazis an die Macht kamen. Ihre Eltern hatten in Glaßdorf einen rund 15 Hektar großen Siedlerbetrieb. „Alles musste von Hand beackert werden. Wir Kinder mussten nach der Schule immer mit anpacken“, erzählt die 87-Jährige, die heute in Friesoythe wohnt.

Sie erinnert sich an den großen Zusammenhalt im Dorf, vor allem zur Erntezeit. Man habe sich gegenseitig sehr geholfen. Und sie erinnert sich an den Polen Stefan Teperzki, der als Zwangsarbeiter auf dem Hof ihrer Eltern tätig war. Und als man heimlich ein Schwein mehr schlachtete, als man durfte, habe man Angst gehabt, erwischt zu werden. Schließlich war der Nachbar NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen und Schwarzschlachten ein „kriegsschädigendes Verhalten“, das sogar mit der Todesstrafe geahndet wurde.

Vom eigentlichen Kriegsgeschehen hatte sie zunächst kaum etwas mitbekommen. Das sollte sich aber ändern. War ihr Vater lange Zeit wegen seiner vielen Kinder und dem landwirtschaftlichen Betrieb zurückgestellt worden, wurde er 1944 doch eingezogen. Er überlebte und kehrte nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1945 wieder zurück nach Glaßdorf.

An eine Situation aus dem Jahr 1945 erinnert sich Anneliese Gehlenborg besonders gut. Sie war 14 Jahre alt, als sie mit ihrem jüngeren Bruder Gregor draußen war. Plötzlich näherten sich britische Tiefflieger dem Hof der Familie Kenter und eröffneten das Feuer. Die beiden gerieten unter Beschuss, konnten sich aber gerade noch in Sicherheit bringen.

Der Kirchturm brennt

„Ich habe den Friesoyther Kirchturm brennen sehen“, erzählt Clemens Ortmann aus Friesoythe. Er war 15 Jahre alt, als kanadische Truppen am 14./15. April 1945 die Stadt von Barkentange aus mit Phosphorgranaten beschossen und in Schutt und Asche legten. „Nahezu jeder Schuss war ein punktgenauer Treffer“, sagt Ortmann, der heute 88 Jahre alt ist.

Im Jahr seiner Geburt (1930) bekamen seine Eltern einen rund 15 Hektar großen Siedlungshof an der Ellerbrocker Straße zugeteilt – genau zwischen Barkentange und der Innenstadt. Es sei ein kaum kultiviertes Stück Land gewesen. Dieser Standort sollte der Familie auch zum Verhängnis werden, denn der Hof wurde im besagten April 1945 ebenfalls dem Erdboden gleich gemacht. Außerdem wurden alle Tiere, darunter acht Milchkühe, zwei Pferde und 15 Schweine, getötet.

Das alles hatte er aus einigen hundert Metern Entfernung beobachtet. Denn wie er fanden noch weitere rund 60 Leute bei Familie Anneken in Pehmertange Schutz. Mit dabei waren auch eine junge Russin und ein Franzose, die Familie Ortmann damals als Zwangsarbeiter zugeteilt wurden.

Wäre Clemens Ortmann damals übrigens drei Monate älter gewesen oder hätte der Krieg drei Monate länger gedauert, wäre er als Soldat eingezogen worden. Das Regime schickte kurz vor Kriegsende bereits Jugendliche, die erst fünfzehndreiviertel Jahre alt waren, an die Front. Er war fünfzehneinhalb.

Mit großer Verachtung erinnert er sich an seinen damaligen Lehrer, dem die Schüler den Spitznamen „Schnippel Gantus“ gaben. „Das war ein Nazi durch und durch. Mit seinem Braunhemd und der Hakenkreuzbinde sah er aus wie Hitler – nur ohne Schnäuzer.“ Drei Jahre lang sei er von diesem Lehrer „geschliffen“ worden.

Nach Kriegsende erbte Clemens Ortmann die Länderei. Es war allgemein üblich, dass der älteste Sohn Alleinerbe wurde. In der Nazizeit wurde das im „Reichserbhofgesetz“ geregelt. Ortmann fasst dieses Gesetz prägnant zusammen: „Es wurde immer der älteste Sohn Nachfolger des Hofes. Die anderen Brüder mussten sich damit abfinden und die Töchter der Bauern hatten sowieso keine Chance darauf, den Hof zu erben.“

Carsten Bickschlag
Redaktionsleitung Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2900

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