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NWZonline.de Region Cloppenburg Wirtschaft

Solange das Eisen heiß ist...

14.11.2018

Friesoythe Mit einer ledernen Schürze bekleidet stehe ich vor dem Ofen im Schmiedeatelier Eisenzeit in Friesoythe und halte einen Eisenstab ins Feuer. Der Chef im Hause, Schmiedemeister und Metallgestalter Alfred Bullermann, hat mir zuvor eine einfache Aufgabe gegeben. Einfach für ihn, für mich hingegen eine Herausforderung: das vordere Ende des runden Stabs von etwa einem halben Zentimeter Durchmesser so zu bearbeiten, dass aus rund eckig wird und der vierkantige Eisenstab vorne spitz zuläuft. Beim Meister sah das gut aus: Den vorn glühenden Eisenstab zog er zum optimalen Zeitpunkt aus dem Feuer, legte ihn auf den eisernen Amboss, und während er, den Hammer in der rechten Hand, mit gleichmäßigen, kraftvollen Bewegungen auf den Stab einwirkt, dreht er diesen mit der linken hin und her. So entsteht die vierkantige Spitze. Ganz einfach. „Normalerweise mache ich das noch schneller“, sagt er. Aber ich soll mir ja etwas Abgucken.

Bei mir sieht das nicht so gut aus. Den richtigen Zeitpunkt erwische ich noch: orange-gelb soll das Eisen glühen, aber noch keine Funken sprühen. Ich lege den Stab auf den Amboss und hämmere drauf los. „Der Hammer geht überall hin, nur nicht dorthin, wo er soll“, merkt Bullermann an und gibt mir Tipps: längs zum Amboss stehen, wirklich nur die Spitze des Stabs bearbeiten, und den Hammer rhythmisch schwingen, anstatt dicht über dem Eisenstück wild darauf einzuschlagen. „Sonst geht schnell die Kraft aus“, weiß der Profi.

Den Hammer vergessen

Am besten vergisst man, dass man einen Hammer in der Hand hält, betrachtet ihn als eine Verlängerung der Hand, die genau weiß, wo sie den Nagel treffen soll. Davon bin ich weit entfernt. Der Hammer liegt wie Blei in meiner Hand, dabei ist es noch einer der leichteren. Ich versuche es erneut. Am Ende habe ich ein verkrüppeltes Stück Eisen in der Hand.

Bei Bullermann sah das Hammerschwingen locker aus. „Es ist gar nicht so schwer. Ich muss ja nur so lange schlagen, bis es fertig ist. Die Kunst liegt darin, keinen Schlag zu viel zu bringen“, sagt er. Er gibt zu, dass Schmieden oft leichter aussieht als es für Laien ist. Schmieden ist mehr, als ein Stück Stahl in die Hand zu nehmen und mit dem Hammer draufzuhauen. „Eisen ist ein widerspenstiges Material. Man braucht eine bestimmte Technik“, sagt er. Bullermann zeigt mir die Technik, für mein mangelndes Schmiedetalent kann er aber nichts. Im Grunde mache ein Schmied nichts anderes als ein Töpfer: Er modelliert. Nur, dass Eisen eben erhitzt werden muss, damit es sich formen lässt. Eisen hat eine Faser, erklärt Bullermann. Und solange es mit dem Hammer richtig und schnell bearbeitet wird, bleibt diese warm – und formbar.

Obwohl ich schon an Übung Nummer eins – Strecken des Eisens nach vorn – gescheitert bin, zeigt mir Bullermann noch das zweite Grundprinzip des Schmiedens: Stauchen. Beim Schmiedemeister sieht es wieder leicht aus. Schlag für Schlag scheint er die Spitze des Eisenstabs mühelos mit der Keilseite des Hammers flächig auszubreiten, bis ein einwandfrei geformtes Blatt entsteht. Ich probiere es, mehrmals. Und scheitere. Vermutlich mangels Technik und Kraft, möglicherweise aber auch wegen einer anderen Sache: Am Amboss soll angehenden Schmieden auch die Angst genommen werden, sagt Bullermann: „Gestalten bedeutet, dass man permanent Entscheidungen trifft und dazu steht. Ich glaube, dass diese Handwerker zufrieden sind, mit dem was sie tun Sie sehen jeden Tag das Ergebnis ihrer Arbeit.“

Dass dieses Handwerk erhalten werden muss, davon ist Bullermann aus zwei Gründen überzeugt: Nicht nur die Handwerklichkeit würde verloren gehen, sondern auch ein Stück Kultur – nicht nur in der Eisenstadt Friesoythe.

Interesse bleibt bestehen

Das Interesse an dem Beruf habe jedoch kaum nachgelassen. „Das will doch keiner mehr lernen? Von wegen. Wenn einer das will, dann macht er das. Schmied kann man nicht lernen, Schmied muss man sein“, sagt er. Schmiedeanwärtern sollte es an dreidimensionalem Vorstellungsvermögen, guter körperlicher Konstitution und kreativer Denkfähigkeit nicht mangeln. Letztere zu fördern, ist Bullermann ein großes Anliegen. „In vielen Menschen steckt kreatives Potenzial, das ihnen aberzogen wurde“, sagt er, „man muss es nur wieder wecken.“

Deshalb gibt der international gefragte Schmied, der erst neulich wieder einen Preis für eine seiner Skulpturen erhalten hat, regelmäßig Kreativkurse und arbeitet oft mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Was bei solchen Projekten am Ende rauskommt, ist dabei, anders als bei Auftragsarbeiten, längst nicht das Wichtigste. Bullermann: „Die fertige Metallarbeit ist die materialisierte Idee. Was mir aber keiner nehmen kann, ist der Prozess, der Weg dorthin. Die Möglichkeit zu haben, mit Kindern auf Augenhöhe zu sprechen, ist eine tolle Sache.“


Sehen Sie in einem Video, wie es richtig geht:   www.nwzonline.de/videos/ 
Nathalie Meng
Volontärin, 2. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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