Damme - Der Kreis Vechta gehört zu den sechs Kreisen in Deutschland mit mehr als einer Million Mastschweinen. Der Schweinefleischmarkt sei zu volatil, meint das Landvolk. Die Schlachtbranche solle kein Preisdumping betreiben, denn die Schweinehalter hätten von Herbst 2014 bis Mai 2016 schon eine existenzgefährdend lange Durststrecke durchgestanden.
Stimmung getrübt
Dennoch: Weil die Chinesen derzeit aus Deutschland das „fünfte Viertel“ vom Schein – Ohren, Schwanz, Füße, Innereien, Knochen und Kopf – aber auch darüber hinaus jede Menge Schweinefleisch importieren, waren die Schweinemäster ausnahmsweise in 2016 öfters glücklich. Grund: 1,48 Euro pro Kilogramm gab es im Schnitt, das sind zehn Cent mehr als 2015. Sie freuten sich über etwas geringere Futterkosten und zeitweise „auskömmliche“ Preise. Bei 1,52 Euro pro Kilogramm – wie am Mittwoch festgesetzt – wird es aber langsam knapp. Auch deshalb, weil 70 Euro ausgegeben sind, wenn die Ferkel eingestallt sind. Für die Mast bliebe dann nur wenig mehr.
Matthias Quaing, Marktexperte der Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) in Damme, bezeichnet die Stimmung als „zunehmend gedämpft“ und stellt Verunsicherung fest. Die von Schlachtunternehmen erzeugte Unsicherheit zeigte sich schon bei der Auktion der ISN. Gleich zweimal ging der Preis leicht runter, folglich war für den offiziellen Preis die Richtung klar. Aber 930 000 geschlachtete Schweine in der ersten 2017er Woche – das sind 100 000 weniger als 2016 – ließen doch ein wenig Hoffnung zu. Vergeblich.
Auch für die kommende Woche wird das voraussichtliche Angebot nicht drängen. Da kommt die steigende Nachfrage aus China gerade recht. Bis zu 3,50 Euro pro Kilogramm zahlten chinesische Aufkäufer. Für Pfötchen wurden 2016 sogar 7,33 Euro pro Kilogramm gezahlt. Der „fette Bauch“ rangierte bei 6,51 Euro pro Kilogramm.
Pfoten und Backen werden in Deutschland oft zu Gelatine verwurstet und in Gummibärchen gegossen. Auf den Mittagstisch kommen nur noch die Schnitzel aus der Keule und die Koteletts vom Rückenstrang. Die deutschen Schlachter mussten jahrelang große Teile des Schweins wegwerfen. Jetzt können sie auch mit dem „fünften Viertel“ einen Markt bedienen.
„Die Chinesen nehmen jetzt nicht nur das fünfte Viertel“, meint Bernd Terhalle, Geschäftsführer einer Erzeugergemeinschaft im emsländischen Lorup, die jährlich 1,5 Millionen Schweine umsetzt. Deutschland ist mittlerweile der größte Exporteur von Schweinefleisch, wobei allein 15 Prozente der deutschen Exporte nach China fließen. Dies überrascht zunächst nicht, ist China doch der größte Importeur von Schweinefleisch weltweit. Ein näherer Blick zeigt aber, dass nur vier Prozent des in China konsumierten Schweinefleischs aus Importen stammt. China ist heute mit 54 Millionen Tonnen der global führende Schweinefleischproduzent, an zweiter Stelle kommt dann die EU mit weniger als der Hälfte dieser Produktionsmenge.
Konkurrenz nimmt zu
Dr. Albert Hortmann-Scholten, Marktexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, sieht die Entwicklung auch positiv. „Es ist aus moralischen Gründen doch eine sehr gute Entwicklung, dass ein Schwein vollständig verwertet wird“. Auf Dauer werde – wenn die Volksgesundheit in China nicht drastische Regierungsmaßnahmen erfordere – auch die EU profitieren, aber nicht unbedingt die deutschen Schweinemäster. Andere Länder setzten zum Überholvorgang an. „Jetzt geben die Schweinemäster vor allem in Spanien, Rumänien und Polen mächtig Gas.“
In Deutschland fehlt oft nicht nur der Betriebs-Nachfolger, sondern auch die Hoffnung auf bessere Zeiten. Die Kosten laufen wegen vieler gesetzlicher Vorgaben – vom vorgeschriebenen Filter über die Vorschriften fürs Schwänzekupieren und die Kastration, Kontrollen, Nährstoffkosten, Platzvorgaben und Besatzdichten – davon und Aufstockungsmöglichkeiten sind kaum vorhanden. Baugenehmigungen werden selten erteilt, so können auch aufgebende Milchviehhalter nicht auf die Schweinemast umstellen.
Einen Schweinezyklus, der früher durch erhöhte Mast für sinkende Preise nach der Hausse sorgte, wird dieses Mal nicht folgen.
