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NWZonline.de Region Delmenhorst

Stadtarchiv: Besuch beim Meister im Wegschmeißen

04.07.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-07-04T05:31:21Z 280 158

Stadtarchiv:
Besuch beim Meister im Wegschmeißen

Delmenhorst Christoph Brunken ist ein Mann, der seinen Job mit Humor nimmt. Bewegt er sich an seinem Arbeitsplatz, dem Delmenhorster Stadtarchiv, hat er zu vielen Ecken einen Spruch auf Lager. „Man nehme ein Regal und schreibe ’Tiefbauamt’ drauf. Alles andere hätte Arbeit gemacht“, sagt er mit Blick auf einen Aktenberg aus der Gründerzeit des Archivs. Dann hält er einen besonderen „Schatz“ in Händen. „Hier ist jede verdammte Rechnung und Quittung der Stadt in ein Buch gebunden – Band 1 von 4 von 1948.“ Boing – das Buch landet in einem großen Metallkorb – im Vergessen. „Ein Archivar muss Meister im Wegschmeißen sein“, sagt er dazu. Man dürfe keine Angst davor haben, allerdings könne man nur einmal wegschmeißen. „Wir versuchen aus den Aktenbergen der Bürokratie mit möglichst wenig Akten möglichst viel an Aussagewert für die Nachwelt zu erhalten.“

Seit rund drei Monaten ist Brunken Leiter des Delmenhorster Stadtarchivs und hat sich bereits einen Überblick verschafft. „Unsere Magazinkapazitäten sind erschöpft, Archive sind allerdings stets auf Wachstum angelegt. Hier muss langfristig eine Lösung her.“

Keine Insektenprobleme

Eine gute Nachricht – man habe keine akuten Insektenprobleme. „Keine Silberfischchen, keine Kakerlaken. Da haben wir Glück.“ Auch Verbesserungen hat das Archiv schon erfahren. „Hier haben wir ein kleines Upgrade“, schmunzelt Brunken und zeigt auf die Besucherstühle. Diese wurden an anderer Stelle ausgesondert, da habe er zugegriffen, denn die vorherige Bestuhlung stamme „wohl noch aus den 1950er Jahren“.

Vor dem 38-Jährigen liegen große Aufgaben. „Wenn wir nicht bald einiges digitalisieren, bleicht in manchen Werken innerhalb der nächsten Jahre die Tinte aus.“ Auch die „alten Schinken von 1700-und“ hätten Restaurierungsbedarf. „Eine Restaurierung kostet pro Buch je nach Seitenzahl und Zustand zwischen 500 und 5000 Euro. Angesichts der Anzahl ist die Digitalisierung vergleichsweise günstiger.“ Hauptsache die Geschichte der Stadt bleibe so erhalten. Im Internet, zugänglich für den Bürger, könnte man viele Informationen finden und müsse nicht extra ins Archiv fahren. „Im Gegensatz zu Büchereien leihen Archive grundsätzlich nichts aus.“

Viele Jahrzehnte würden vergehen, bis die lange Aufgabenliste abgearbeitet sei. Beispielsweise muss das Metall aus den Akten bevor es rostet. Oder was noch wichtiger ist: „Die Archivalien sollten sich alle in säurefreien Kartons befinden.“ Nicht nur der Schutz vor Staub, Dreck oder eventuellen Pilzsporen seien wichtig, auch die Evakuierungsfähigkeit bei Katastrophen müsse bedacht werden.

Gleichzeitig muss die Geschichte von heute gesichert werden. Regelmäßig besucht er die Verwaltung, um erhaltenswerte Akten und Unterlagen für das Archiv auszuwählen. 30 bis 40 Prozent der Arbeitszeit gehe für die Erfassung und Archivierung neuer Akten drauf.

Arbeit für Jahrzehnte

Im Archiv schlummert so mancher Schatz, der noch viel Arbeit mit sich bringen wird. Zum Beispiel das Delmenhorster Bürgerbuch von 1702 bis 1856. „Alles steht darin durcheinander und die Texterkennungssoftware ist nutzlos, weil alles handschriftlich ist.“ Alles abzutippen dauere rund sechs Monate. Wer konkret eine Information suche, werde momentan in diesen Werken nicht fündig, da er überhaupt nicht wisse, wo und ob die Information zu finden sei. „Lesen und entziffern muss der Besucher im Regelfall selbst, da dies im Rahmen des Dienstbetriebes nicht möglich ist.“

Somit warte da auch noch ein großer Teil Arbeit, damit nicht bei jeder Suche das gesamte Buch gelesen werde müsse. „Alles was hier noch nicht in Kartons ist, ist auch nicht in unseren Karteikarten erschlossen – wir wissen nur grob was was ist“, sagt Christoph Brunken mit Blick auf viele volle Regale.

Doch vieles sei auch schon geschafft, dank der Arbeit von Werner Garbas, seinem Vorgänger. „Ein Großteil der Magistratsakten – ein Lebenswerk meines Vorgängers – sind sehr gut erschlossen.“ Alles sei bereits damals von Karteikarten in den Computer getippt worden.

Auch seine beiden Mitarbeiterinnen, die sich eine Stelle teilen, leisteten großartige Arbeit. „Sie sind mit Herzblut dabei und halten den Laden am Laufen.“ Der Investitionsrückstau sei eines der Hauptprobleme, dessen Lösung viel Zeit in Anspruch nehmen werde. „Für meine Nachfolger bleibt sicher noch was da, selbst wenn Behörden eines Tages nur noch elektronisch arbeiten“, grübelt Brunken.

Ein weiteres Kuriosum des Stadtarchivs: die erste Generation der Einwohnermeldekartei ab 1900. „Die Originale fanden seltsamerweise keinen Eingang ins Archiv “, wundert sich Brunken und deutet auf einen großen Kasten, der aussieht wie einer der ersten Heimcomputer. Die Kartei sei verfilmt worden. Auf zahlreichen Filmen sind die einzelnen Seiten gespeichert. Aber wenigstens seien sie erhalten. „Das Teil macht einen Riesenlärm. Die Kolleginnen nennen sie wegen des Krachs auch Höllenmaschine.“ Das Licht im Magazin wird ausgeschaltet, es erscheint weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund. Dann wird das Band vor und zurück gefahren, bis man die richtige Seite gefunden hat. „Wir können damit aber leider nichts kopieren und hoffen, dass das Uraltgerät auch weiter funktioniert.“ In einer anderen Ecke stapeln sich Architekturmodelle. Etwa eines der bereits 1972 abgerissenen Berufsschule auf der Burginsel. Ein Sammelsurium der verwirklichten und eingestampften Projekte der Delmenhorster Stadtplanungsgeschichte.

Jede Akte braucht Platz

Ein weiterer Zufallsfund ist eine genaue Auflistung über alle Beleidigungen, die Beamte vor einigen Jahrzehnten ertragen mussten – eine Art Beschwerde-Sammlung. Da in den ersten Jahren pauschal alles gesammelt worden sei, egal ob für die Nachwelt interessant oder nicht, gebe es einen Bewertungsrückstau – Wegschmeißen sei in diesem Fall eine Notwendigkeit, denn jede Akte kostet letztlich Platz und Geld, erklärt der Leiter des Stadtarchivs. „Ich hab hier noch ein paar Jahrzehnte Arbeit vor mir“, weiß Brunken bereits nach drei Monaten in seiner Position. Doch er freue sich darauf, das Archiv in die Zukunft zu führen und all die Geschichten von Menschen, Arbeit, Gesellschaft und Leben für die Nachwelt zu erhalten. „Das ist ein Ziel, auf das es sich hinzuarbeiten lohnt: Ich möchte das Archiv den Leuten näher bringen.“ 

Wer sich für Informationen und Dokumente aus dem Stadtarchiv interessiert, kann sich für eine Terminvereinbarung an Christoph Brunken wenden: Telefon  04221/99-2014 oder per E-Mail archiv@delmenhorst.de. „Wenn uns jemand vorher schreibt, was er sucht, können wir es vorher finden“, sagt Brunken und freut sich auf Interessierte.

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