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NWZonline.de Region Delmenhorst

„Das Tier, das Kunst erzeugt“

23.05.2014
Frage: Herr Schiefenhövel, als Erforscher des menschlichen Verhaltens veranstalten Sie gemeinsam mit Fachkollegen am Hanse-Wissenschaftskolleg ein Symposium „Art as Behaviour“ (Kunst als Verhalten). Worum geht es?
Schiefenhövel: Wir haben ein ganz starkes inneres Bedürfnis nach Schönheit. Das Streben nach Schönheit ist ein ganz primärer Antrieb für uns Menschen. Ich erforsche seit fast 50 Jahren das Verhalten und die Gebräuche der Menschen in Papua-Neuguinea. Sie leben zwar in einer Steinzeitkultur, aber in der Welt des Künstlerischen sind sie genauso eingerichtet wie wir. Goethe wäre neidisch gewesen auf manche Lyrik aus dieser Kultur.
Frage: Wann begann die Kunst?
Schiefenhövel: Das wissen wir noch nicht. Manche glauben, sie entstand gleichzeitig mit der Sprache vor 500 000 Jahren. Ein anderes Modell besagt, dass sie gemeinsam mit dem Verständnis für Symbole entstand.
Frage: Warum empfinde ich den Abendgesang einer Amsel als harmonisch, nicht aber das Gekrächze einer Krähe?
Schiefenhövel: Die Amsel hat ein reichhaltiges Spektrum an Tönen, musikalisch zusammengefügt. Die Krähe erzeugt beim Menschen mit ihrer Lautäußerung Widerwillen. Für die Krähendame ist das Gekrächze eines Männchens so attraktiv wie für uns eine Mozartsonate. Kunst ist die gelungene Interaktion zwischen Machern und Rezipienten. Gute Künstler schaffen etwas, auf das wir reagieren. Das sind ganz alte Strukturen. Evolutionsbiologisch gesagt: Die Blüte muss sich der Biene anpassen. Unsere Wahrnehmung von Kunst ist ein Ergebnis evolutionärer Entwicklung. Wir sind das Tier, das Kunst erzeugt.
Frage: Bilder, Musik, Gedichte, ein Bauwerk wie eine Kathedrale können Emotionen in mir wecken. Oder auch nicht. Was macht den Unterschied aus?
Schiefenhövel: Unser Gehirn ist in der Lage, aus der Vielfalt von Sinnesreizen, denen wir ausgesetzt sind, das Wesentliche herauszufiltern, bestimmte Gestalten und Muster zu erkennen. Das nutzen Künstler. Kunst ist, wenn ein Künstler es schafft, etwas zu schaffen, auf das wir reagieren. Das kann klassische Musik sein. Manche meiner Kollegen aber meinen, dass die Fangesänge vom BVB genauso komplex sind.
Frage: Was ist für Sie „Zeitgeschmack“?
Schiefenhövel: Wir haben heute einen rasanten Wechsel der Moden, die Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr. Vor Jahren wurde im Zusammenhang mit dieser Beschleunigung der Untergang der Museen vorausgesagt. Er ist nicht eingetreten. Die Menschen fühlen sich nach wie vor von Kunst angezogen.

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Hanse-Wissenschaftskolleg | BVB