Delmenhorst - Heimatschutz – Anfang 2020 wäre dieser Begriff wahrscheinlich erklärungsbedürftig gewesen. Doch in der Corona-Pandemie zeigte sich sehr schnell, dass die Bundeswehr für mehr geschaffen ist, als deutsche Interessen in Auslandseinsätzen zu vertreten. Beispielsweise, um den Gesundheitsämtern bei der Nachverfolgung von Infektionsketten zu helfen. Statt Gewehr und Springerstiefel prägen inzwischen OP-Maske und Telefon das öffentliche Bild der Soldaten.
So war es wohl auch kein Zufall, dass Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ein neues Pilotprojekt ins Leben rief: den Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz. 320 Rekruten traten dazu am 6. April in ganz Deutschland ihren Dienst an, 26 von ihnen in Delmenhorst. Die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne zählt zu den 13 Standorten, an denen die siebenmonatige Ausbildung stattfindet.
Kaserne prägt den Alltag von 54-jähriger Rekrutin
So prägt für die 54-jährige Petra Isokeit seit gut einer Woche die Kaserne ihren Alltag. Da die Rekruten überwiegend junge Menschen sind, ist Isokeit als verheiratete Familienmutter eine Ausnahme. „Ich wäre als junge Frau zur Bundeswehr gegangen, damals gab es diese Möglichkeit aber schlichtweg nicht“, sagt sie.
Bei dem neuen Angebot sei sie zunächst davon ausgegangen, dass die Bundeswehr junge Menschen suche. „Mein Sohn hat mich dazu ermutigt, einfach mal nachzufragen“, erinnert sich Isokeit. So erfuhr sie, dass der Dienst im Heimatschutz im Alter von 17 bis 60 Jahren möglich ist. Auf die körperlich anstrengende Grundausbildung hat sich die Mutter mit viel Sport vorbereitet. „Das war auch nötig, es hätte ruhig noch etwas mehr sein können“, sagt sie.
Heimatnaher Einsatz ist das Besondere
Die Bundeswehr hatte die Rekrutin vorab für ein Pressegespräch ausgewählt. Sie steht exemplarisch für ein Ziel des neuen Angebots: Der Wehrdienst soll sich für Menschen öffnen, die trotz Interesse bisher nicht den passenden Einstieg in die Bundeswehr gefunden haben.
„Das Besondere am neuen Dienst ist der heimatnahe Einsatz nach der militärischen Ausbildung“, sagt Thomas Krey, Sprecher der Bundeswehr im Land Bremen. Bisher mussten sich Reservisten darauf einstellen, an das andere Ende der Republik geschickt zu werden. Im Heimatschutz sollen die Einsätze nah am Wohnort stattfinden.
100 Rekruten pro Quartal ausbilden
Die ersten Monate des neuen Wehrdienstes verlaufen genauso wie für einen Soldaten auf Zeit im gewöhnlichen Dienst an der Waffe. Erst nach der Grundausbildung erfolgt die Spezialisierung für den Heimatschutz. Für diesen Teil wurde Delmenhorst als einer von drei Ausbildungsstandorten ausgewählt. „Pro Quartal werden wir rund 100 Rekruten für den Heimatschutz ausbilden“, sagt Torsten Ickert, Kommandeur des Logistikbataillons 161.
Mindestens bis zum Juli 2022 werde die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne Teil des Pilotprojekts sein. „Neben der Beachtung der AHA+L-Regeln testen wir unsere Rekruten zweimal pro Woche“, so Ickert. Außerdem dürfen die Rekruten nur jedes zweite Wochenende zu ihren Familien, um Ansteckungen zu verhindern.
