NWZonline.de Region Delmenhorst

Ns-Zeit: Erinnerung darf nicht verblassen

10.11.2017

Delmenhorst Zum ersten Mal wurde am Donnerstag im Gebäude der jüdischen Gemeinde Delmenhorst den Verbrechen der Pogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, betonte, dass man dafür sorgen müsse, dass die Geschehnisse der Pogromnacht nicht in Vergessenheit geraten. „Wir haben die Verpflichtung, Verfolgte herzlich und mit offenen Armen zu empfangen.“ Er sei stolz auf die Stadt, die nun Flüchtlinge aus dem Nahen Osten genauso aufnahm, wie auch seine Gemeinde vor 20 Jahren.

„Wir sind auf dem richtigen Weg. Wer demokratisch und menschlich denkt, kann seine Augen nicht verschließen.“ Wie damals seien auch heute wieder Rechte auf der Straße. „Unsere Demokratie und unser Wertesystem sind wie eine wachsende Blume, die täglich versorgt werden muss“, sagte Becerra.

Auch Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) fand die richtigen Worte. In der Pogromnacht sei aus geistiger Brandstiftung der Nazis Wirklichkeit geworden. 75 Delmenhorster seien dem Holocaust zum Opfer gefallen. „Nur wer die Wahrheit kennt, kann der Verleugnung widerstehen“, sagte Jahnz zur Wichtigkeit der Gedenkkultur. „Als Oberbürgermeister bin ich sehr froh, dass hier so viele leben, die öffentlich ihr Gesicht zeigen und auftreten, wenn ewig gestrige Populisten auftreten.“ Er sei froh darüber, die Jüdische Gemeinde hier zu haben. „Ich bin froh über soviel Freundschaft.“

Pfarrer Dr. Enno Konukiewitz sagte, „die Brut, die damals Hass und Vernichtung anrichtete, ist auch heute wieder am Werk“. Die Grundlage dafür sei Verblendung, Rassismus, Nationalismus und Antipluralismus. „Wir müssen für Weltoffenheit und Toleranz eintreten.“

Dr. Norbert Boese, Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises der jüdischen Gemeinde, erinnerte an die Mahnmale, die in Delmenhorst für Erinnerung sorgten. Er dankte Delmenhorster Schülern, die in dieser Woche Stolpersteine polierten, „ und damit einen Beitrag leisten, das Geschichtsbuch auch an dunklen Stellen offen zu halten“.

„Ein deutsches Judentum gibt es erst wieder, wenn uns die jetzige Jugend ablöst“, sagte Rabbinerin Alina Treiger. Sie sei 2010 die erste Rabbinerin Deutschlands gewesen. „Aber ich bin selbst Einwanderin aus der Ukraine.“ Wie läuft es weiter mit der Gemeinde, mit der Erinnerung an die Pogromnacht? „Ich bin nicht so sicher, dass es die Gemeinde in 20 Jahren noch gibt. Aber wir behalten Hoffnung.“ Die junge Generation deutscher Juden sei vorhanden, stehe aber noch nicht fest auf eigenen Beinen.

Den Gästen wurde anschließend die neue Torahülle präsentiert, die ein Abbild der am 9. November 1938 abgebrannten Delmenhorster Synagoge zeigt. Außerdem wurde ein Gebet auf Hebräisch gesprochen. Anschließend wurde ein Rundgang durch die Stadt zum jüdischen Friedhof unternommen. Am Abend schloss sich eine Lesung aus dem Buch „Wenn das der Führer sähe“ von Jacqueline Roussety an.

Sascha Sebastian Rühl Volontär, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2003
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.