Delmenhorst - Corona ist für jede Familie eine Belastungsprobe, unter dem eingeschränkten Betrieb von Schulen, Kitas und Sportvereinen leiden die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft am stärksten. Noch komplizierter ist es, wenn Eltern an psychischen Problemen leiden, etwa regelmäßig mit Depressionen zu kämpfen haben. „Die Reaktionen darauf sind ganz unterschiedlich. Manche Kinder machen verstärkt auf sich aufmerksam, wollen etwa mit Aggressionen ein Ende der Antriebslosigkeit erzwingen“, berichtet Kristina Taeger. Sie arbeitet für „Plan A“, einen freien Träger für ambulante Kinder- und Jugendhilfe.
Start bis Oktober möglich
Die pädagogische Bereichsleiterin setzt sich dafür ein, Kindern von Eltern mit psychischen Erkrankungen in Delmenhorst mit einem neuen Gruppenangebot zu helfen. „Kidstime“ könnte spätestens im Oktober die Arbeit aufnehmen, 90 Prozent der Kosten würde der Bund zahlen. Voraussetzung ist eine Entscheidung des Stadtrats, der Jugendhilfeausschuss berät an diesem Donnerstag darüber.
„Kidstime“ gibt es seit den 1990er-Jahren. Aktuell gibt es das Angebot an 17 Standorten in Deutschland. Die Bundesregierung hat 750 000 Euro über drei Jahre bereitgestellt. Der Eigenanteil von zehn Prozent läge für Delmenhorst bei 1500 Euro pro Jahr, ab dem vierten Jahr müsste die Stadt die Gesamtkosten von 15 000 Euro allein tragen.
Die Vorlage der Stadtverwaltung zeichnet ein alarmierendes Bild der Lage. Laut aktuellen Schätzungen leben in Deutschland 3,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren, deren Eltern eine psychische Erkrankung haben. In Delmenhorst sind etwa 3500 Kinder und Jugendliche betroffen. Der Allgemeine Soziale Dienst schreibt in seiner Darstellung, dass mehrere Studien und Statistiken einen erheblichen bundesweiten Anstieg von psychischen Erkrankungen bereits vor Covid-19 aufwiesen. Die Dunkelziffer sei wahrscheinlich hoch. Die Pandemie führe zu einem weiteren Anstieg.
Zu dieser Einschätzung ist die Verwaltung bei der Auswertung eines bestehenden Angebots gekommen: dem Patenschaftsmodell. Dabei vermittelt Plan A geschulte Paten für Kinder mit psychisch erkrankten Eltern. „Die Kinder brauchen eine gesunde, verlässliche Bezugsperson“, erklärt Taeger. Sie koordiniert die Patenschaften im Großraum Oldenburg. In Delmenhorst sind es aktuell sechs.
„Mamas Monster“
Laut Taeger ist es bei den Kindern weit verbreitet, dass sie sich selbst für die psychischen Probleme der Eltern verantwortlich machen. Wirkungsvoll sei es, Wissen über die Erkrankung zu vermitteln. „Auch für kleine Kinder gibt es da sehr gute Bücher, die dann zum Beispiel von ‚Mamas Monster‘ sprechen.“
Dieses Wissen soll auch das neue Gruppenangebot vermitteln. Es richtet sich an die gesamte Familie, pro Monat soll sie sich für drei Stunden intensiv mit den Problemen auseinandersetzen.
