Delmenhorst - „Die Frage, wie sich Stadtgesellschaften entwickeln, wird zurzeit sehr intensiv diskutiert“, stellte Bianca Urban, seit zwei Jahren Delmenhorster Stadtbaurätin, am Donnerstagabend im Herrenzimmer der Städtischen Galerie fest. Die Obdachlosenzahlen nähmen zu, es stelle sich die Frage nach dem Umgang mit Wohnungsbeständen.

Urban, von Haus aus Architektin und Stadtplanerin und selbst in einer Wohnblock-Siedlung großgeworden, war von der Galerie begleitend zur aktuellen Ausstellung „Georg Winter. Delmenhorster Modell“ eingeladen worden, ihre Sicht auf den Wollepark darzulegen und über seine Entwicklungsperspektiven zu berichten. Was folgte, war ein Abriss der Geschichte des mitten in der Stadt liegenden Wohnbauviertels vom „Neue Heimat“-Vorzeigequartier, dem schleichenden Niedergang und dem Entschluss, den Wollepark ab der Jahrtausendwende zum Sanierungsgebiet zu erklären. In den kommenden Jahren soll in dem 23 Hektar großen Gebiet eine lockere Wohnbebauung mit Einfamilienhäusern und Geschosswohnungsbauten entstehen, zur Stedinger Straße hin ist ein Mischgebiet mit Gewerbe geplant.

Heute machen die meisten Delmenhorster einen großen Bogen um den Wollepark. Man will mit den Menschen, die zum großen Teil dort (noch) leben – Polen, Rumänen, Bulgaren -, nichts zu tun haben. Immerhin kümmert sich die Diakonie mit ihrem Nachbarschaftsbüro um den sozialen Zusammenhalt.

Urban sprach von Eigentumsverhältnissen, die „hochgradig schwierig“ seien (Wollepark-Blöcke 11 und 12) und von einer „problematischen Mieterstruktur“ (Wollepark-Blöcke 13 und 14). „Das ist hartes Brot, was ich Ihnen erzählt habe“, sagte sie zum Schluss ihres Impulsvortrags. „Aber es ist schön, wenn mal ganz anders gedacht wird.“

Diesen Part übernahm Georg Winter. Der Professor der Public Art an der Hochschule der Bildenden Künste Saar sowie Leiter des Europäischen Zentrums für Promenadologie Völklingen war dazu eigens aus Saarbrücken angereist. Winter thematisiert in seiner Ausstellung die elementaren Fragen „Wie Wohnen? Wie Leben?“ und schickt Schafe in den Wollepark.

„Ich kenne den Wollepark als eines der krassesten Viertel in Deutschland“, sagte der Professor. Im „Delmenhorster Modell“ wolle er Alternativen aufzeigen, anders mit solchen Quartieren und deren Bewohnern umzugehen. „Warum sollten diese Leute hier nicht wohnen können?“ fragte er. „Es geht ums politische Wollen. Die Gesellschaft ist gelähmt, weil wir Angst haben, etwas zu verlieren. Wir zwingen die Leute, die am Rand stehen, in eine prekäre Lage hinein.“ Wenn es nach Winter ginge, sollten die Wollepark-Bauten in ihrer Grundsubstanz erhalten bleiben, entkernt und fantasievoll neu aufgebaut werden. Was städtebaulich heute entworfen werde, erinnere ihn an „Sepulchralkultur“ – Leben kurz vor dem Tode. Mit der „Stadtverschafung“ und dem „Schafserwartungsland“ wolle er ein bisschen mehr Aufenthaltsqualität ins Viertel bringen. „Wir sind im Moment dabei, die Gesellschaft immer mehr zu segregieren. Wie können wir die Chance nutzen, die dieses Viertel hat?“

Rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgten die zweistündige Talkrunde und brachten eigene Ideen ein.