Delmenhorst - „Urlaub vom verstrahlten Alltag“ heißt das Projekt, das das Friedensnetz des Vereins Christlicher Junger Männer (CVJM) angestoßen hat. Sechs Mütter aus dem Weißrussischen Waloschyn sind 23 Stunden lang mit Bus und Bahn nach Delmenhorst gereist, um ihren Kindern in Delmenhorst vier Wochen lang Erholung von ihrer strahlengeschädigten Heimat zu bieten.
Nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl 1986 waren große Teile Weißrusslands von der radioaktiven Wolke betroffen. Noch immer haben die Menschen dort mit den Folgen dieses Unglücks zu kämpfen. Aber nicht nur Erholung finden die jungen Frauen mit ihren Kindern hier, sondern auch Erfahrungen.
Ljudmila Petraschkewitsch wohnt mit ihrem Sohn Nikita aus einem Ort in der Nähe Waloschyns. „In Deutschland sind die Kinder im Kindergarten viel freier, in dem was sie tun können“, hat die 27-Jährige festgestellt. Die Kinder aus Weißrussland besuchen regelmäßig Gruppen im St. Paulus- und im Arche-Kindergarten. „Die Kinder und Erzieherinnen haben uns gut aufgenommen“, erzählt sie.
Die Stadt gefällt auch den Kindern: Oft gehen sie an die Graft und füttern dort Enten und Gänse. Freude bereitet ihnen auch, dass es so viel Wasser in der Stadt gibt. Daneben fällt den Gästen auch die gute und reine Luft in Norddeutschland auf.
Architektonisch unterscheiden sich Delmenhorst und auch Bremen, wie sie bei einem Ausflug dorthin festgestellt haben, sehr von Waloschyn. „Hier gibt es viele kleine, alte Häuser“, findet Ljudmila Petraschkewitsch.
Zwei Deutschlehrerinnen, die zur Gruppe gehören und viel übersetzen, nutzen die Gelegenheit und schnuppern am Dienstag in den Unterricht an einer Grundschule hinein. Doch das ist für die Kinder nicht der Höhepunkt der Reise: Sie freuen sich auf den Ausflug nach Bremerhaven am Freitag. Da wollen sie Meerluft schnuppern und richtig große Schiffe sehen. Weißrussland hat keinen Zugang zum Meer.
Am Montag begrüßte Bürgermeister Hermann Thölstedt die Mütter und Kinder im Rathaus. Dort trugen sich die Eltern ins Gästebuch ein und erzählten von ihren Erfahrungen. Untergebracht sind die jungen Frauen mit ihren Kindern im Sportlerheim.
Finanziert wird der Besuch, der vom 22. April bis zum 11. Mai dauert vom CVJM Friedensnetz durch Spenden. Vor Ort koordiniert Eckhard Petreins den Aufenthalt. Es ist das zweite Mal, dass so etwas in Delmenhorst stattfindet.
In Weißrussland werden solche Angebote dankbar angenommen, erzählt Ljudmila Petraschkewitsch. Sie gehört wie die anderen Mütter der Generation an, die zur Zeit der Katastrophe geboren wurde. Noch immer gehe es den Kindern, die in den betroffenen Gebieten geboren werden, gesundheitlich nicht gut, weiß sie zu berichten.
