Delmenhorst - Ein Bollerwagen, Spiele und deftiger Grünkohl als Ziel – der Januar ist eigentlich der perfekte Monat für eine Kohlfahrt. Doch dieser Freizeitspaß verträgt sich nicht mit einer Pandemie. Mit der Verschärfung der Kontaktregeln wäre auch beim Kohlessen im privaten Wohnzimmer nur ein Gast erlaubt.
Im Vorteil sind alle Hobbyköche, die auch in der eigenen Küche Kohl und Kassler zubereiten können. Auch im Lockdown gibt es in Delmenhorst die Möglichkeit, sich bewirten zu lassen. Das Grünkohltaxi von Marco Tienz und der Lieferservice des Restaurants Schierenbeck bringen das Kultessen zu jeder Haustür.
Corona-Regeln sie für ihn wie ein Berufsverbot
Große Partys sind für Tienz mit seiner Eventagentur „Kartonage“ eigentlich das Geschäft. Doch seit März ist an Abi-Bälle und Ü30-Partys nicht mehr zu denken. Für Tienz sind die Corona-Regeln wie ein Berufsverbot. Im Frühjahr wollte er deshalb eine radikalen Schritt wagen und als Privatperson Hartz IV beantragen. Doch dafür erfüllte er die Bedingungen nicht und „musste neue Wege finden, um etwas Geld zu verdienen“.
In den wärmeren Monaten betrieb er deshalb ein „Cocktail-Taxi“. Weil die Nachfrage für Piña Colada und Co. bei null bis fünf Grad eher überschaubar ist, brauchte es für die Wintermonate eine Alternative, die mit dem norddeutschen Klassiker Grünkohl schnell gefunden war. „Das Essen bekomme ich von einem befreundeten Schlachter“, so Tienz. Als Veranstalter habe er sich in Delmenhorst einen großen Kundenkreis aufgebaut, über die sozialen Medien erreiche er viele Menschen.
Kohlessen für bedürftige Menschen spenden
Seit Anfang Dezember belädt Tienz sein „Taxi“ mit Kohl und Pinkel. „Manchmal sind es zehn Portionen pro Tag, manchmal auch keine.“ Kunden ermutigt er auch zu einer guten Tat, indem sie Kohlessen für bedürftige Menschen spenden. Über 100 Mahlzeiten lieferte er bisher schon an die Delmenhorster Diakonie oder die Tafel aus. „Das Grünkohltaxi ist deshalb keine reine Geschäftsidee, sondern auch ein Hilfsangebot für Obdachlose.“
Auch Bernd Schierenbeck vermisst eine richtige Kohlsaison gerade sehr. Sein Restaurant an der Bremer Straße ist ein etabliertes Ziel für Party-Gesellschaften mit Bollerwagen. Nun musste er auf einen Liefer- und Abholservice umstellen. Im Dezember habe er so rund 20 Prozent des gewöhnlichen Umsatzes erwirtschaftet. „Es hat mich sehr gefreut, dass neben Stammkunden auch neue Kunden mehrfach bestellt haben.“
Lieferservice ist für ihn mit Risiko verbunden
Der Lieferservice für Kohlessen ist mit einem Risiko verbunden: „Ich muss dann Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen und sie regulär bezahlen.“ Vorher sei aber nie abschätzbar, ob genügend Portionen verkauft werden, um diese zusätzlichen Kosten zu decken. Aber der Betrieb auf Sparflamme „schafft eine gewisse Arbeitsstruktur. Man kann ja nicht für über zehn Wochen die Füße hochlegen.“
