Frage:
Herr Fricke, im Februar hat die Landesregierung um Ministerpräsident Christian Wulff das Abitur nach zwölf Schuljahren auch an Integrierten Gesamtschulen (IGS) beschlossen. Ein Fehler?Fricke:
Wir halten es für einen großen Fehler, denn damit wäre das seit vielen Jahren erfolgreiche System der IGS ausgehebelt. Unser Prinzip liegt gerade darin, den Bildungsweg lange offen zu halten und Schüler unterschiedlicher Leistungsstärke zusammen lernen zu lassen.Integrative Systeme haben sich international durchgesetzt, beispielsweise in Finnland und Kanada. Die Dreigliedrigkeit gibt es nur noch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und G 8 ist ohnehin eine pädagogische Nullnummer.
Frage:
Welche Folgen hätte das Turbo-Abitur an Gesamtschulen?Fricke:
Die Verkürzung der Schulzeit hätte für die Jahrgänge fünf bis zehn zur Folge, dass in der IGS frühzeitig ein gymnasialer Zug eingerichtet werden müsste. Auch würden Eltern die Möglichkeit verlieren, für ihre Kinder einen alternativen und weniger stress-beladenen Bildungsweg bis zum Abitur zu wählen.Frage:
Sie befürchten also, dass die Chancengleichheit nicht gewahrt bleibt?Fricke:
Richtig! Wie anders als durch gemeinsames Lernen soll der immer wieder für deutsche Schulen nachgewiesene Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft aufgebrochen werden?Frage:
Was fordern Sie und wie wollen Sie ihre Ziele erreichen?Fricke:
Mit einem offenen Brief an Herrn Wulff und einer Unterschriftensammlung haben wir die Landesregierung dazu aufgefordert, keinen Gesetzentwurf zur Verkürzung der Schulzeit in den Landtag einzubringen. Am Sonnabend, 9. Mai, wird es in Hannover eine Großdemonstration gegen die Änderungspläne geben. Mit Bussen und Autos werden 120 Eltern, Lehrer und Schüler aus Delmenhorst anreisen und sich der Kundgebung anschließen.Ingo Fricke ist didaktischer Leiter der Integrierten Gesamtschule Delmenhorst und Mitglied der Landesfachgruppe Gesamtschulen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
