Delmenhorst - Auch das gibt es: Jugendliche, die nicht einmal mehr die Zeit haben, zur Toilette zu gehen, weil sie dann ja einen Moment lang vom PC weg müssten. Zur Not muss dann schon mal eine Pringles-Dose fürs kleine Geschäft herhalten.
Eine von vielen unglaublichen Geschichten, die Tim Berthold in den vergangenen drei Jahren gehört hat, wenn er Jugendliche beriet, die ein Problem mit dem Internet haben. Leider machten sich auch Eltern schuldig, wenn die Mutter dem Sohnemann das Essen vor dem Computer serviert statt auf feste Regeln zu pochen. Zehn bis 20 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jugendlichen, genauere Zahlen gibt es nicht, seien Internet-suchtgefährdet.
„Wir sind nicht gegen Computerspiele, aber sie dürfen nicht das Leben bestimmen“, sagt der 36 Jahre alte studierte Geschichts- und Kulturwissenschaftler, der seit Anfang 2014 in der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst das jetzt zu Ende gegangene Modellprojekt „Log out – unabhängig im Netz“ betreut hat. An vier Standorten im Land mit unterschiedlichen Strukturvoraussetzungen – Delmenhorst, Goslar, Hannover und Osnabrück – hat das Sozialministerium das Projekt mit der Finanzierung von Halbtagsstellen gefördert, die Uni Hildesheim hat es wissenschaftlich begleitet. Berthold, dessen Vertrag bei der „drob“ im Frühjahr ausläuft, hofft auf ein Anschlussprojekt.
Berthold braucht keine seherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass auch dieses Jahr wieder viele Computerspiele, wie Minecraft, League of Legends, GTA, FIFA oder World of Warcraft, unter dem Weihnachtsbaum liegen werden. Das sei auch nicht problematisch, wenn die Jugendlichen damit umgehen könnten. Aber bei einigen von ihnen klappe das eben nicht. „Sei es, dass sie keine Hobbys mehr haben oder nicht mehr zur Schule gehen, aber irgendwo entsteht bei denen ein Problem.“ Ein Jugendlicher, berichtet er, habe angegeben, bis zu 68 Stunden die Woche gespielt zu haben, bevor er in die Beratung gekommen sei.
