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NWZonline.de Ratgeber Digitale Welt

Frau Gehlhaar bloggt gegen die Barrieren im Kopf

29.08.2017

Berlin   

Frage: In Ihrem Blog „Frau Gehlhaar“ geht’s ziemlich zur Sache. Sie schreiben über Liebe, Sex und blöde Sprüche. Dahinter steht allerdings ein ernstes Anliegen. Worum geht es Ihnen?
Gehlhaar: Ich möchte Menschen aus meinem Alltag im Rollstuhl erzählen und für das Thema Behinderungen sensibilisieren. Eine Behinderung ist in unserer Gesellschaft mit ganz vielen Vorurteilen und Klischees behaftet. Die Menschen werden entweder als Helden oder als Opfer dargestellt, dabei sind sie weder das eine noch das andere. Menschen mit Behinderungen sollten einfach als ganz normal wahrgenommen werden.
Frage: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf, wenn es um die Gleichstellung von Behinderten geht?
Gehlhaar: Die Klischees sind sicher die geringere Sorge. Das Thema ist hochpolitisch. Eine Behinderung ist bei uns ein Merkmal, das systematisch zur Ausgrenzung führt. Bestes Beispiel ist die anstehende Bundestagswahl. Da dürfen rund 80.000 Menschen nicht wählen, weil sie unter Betreuung stehen. Dabei geht es in Deutschland sehr schnell, dass man einen Vormund bekommt. Außerdem müsste in Deutschland durch viel stärkere Antidiskriminierungsgesetze dafür gesorgt werden, dass Behinderte mehr Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen.
Frage: Viel Anklang im Netz fand Ihr „Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo“ mit nervigen Kommentaren, die Sie immer wieder zu hören bekommen, darunter „So hübsch und dann im Rollstuhl“ oder „Kann man da noch was machen?“. Was meinen Sie, steckt hinter diesen Taktlosigkeiten?
Gehlhaar: Unsicherheit, Angst, Vorurteile. Dabei kann ich das durchaus verstehen. Behinderte werden in Deutschland weggesperrt, in Werkstätten oder so. Davon bekommt die Gesellschaft kaum etwas mit. Viele wissen daher nicht, wie sie reagieren sollen, wenn jemand mit einer Behinderung im Straßenverkehr auftaucht. Ich habe mich übrigens geärgert, dass ich zwei Sätze nicht mit in das Bingo aufgenommen habe: „Hast du keine Schneeketten für deinen Rolli?“ kommt immer im Winter, und „Du solltest einen Sonnenschirm anbauen“ im Sommer.

Vielfältig Im Netz unterwegs

Laura Gehlhaar ist 1983 in Düsseldorf geboren und hat Sozialpädagogik und Psychologie in Holland und Berlin studiert. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Bloggerin, Texterin, Aktivistin und Coach.

Im Blog Frau Gehlhaar – Über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren“ schreibt sie aus ihrem Alltag. Außerdem ist Laura Gehlhaar im Internet auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv und arbeitet mit im Team des Projektes Leidmedien.de.

Ihr Buch „Kann man da noch was machen?“ ist 2016 im Heyne Verlag erschienen. (9,99 Euro)

Frage: Sie gehen mit Ihren Mitmenschen aber auch hart ins Gericht. Hinter den Sprüchen steckt doch oft einfach die Absicht, nett zu sein.
Gehlhaar: Ja, aber wenn man das immer wieder hört, nervt es halt. Bei den Reaktionen muss man sicher berücksichtigen, dass sich die Menschen mit einem Thema konfrontiert sehen, mit dem sie sich vorher nicht beschäftigt haben. Viele sind da erst einmal überfordert. Ich sehe das aber nicht so, dass ich mit den Nichtbehinderten zu hart ins Gericht gehe. Viele schreiben mir, ich hätte ihnen die Augen geöffnet.
Frage: Sie bezeichnen Ihre Behinderung in einem Blogbeitrag als „Arschlochfilter“. Wie funktioniert das?
Gehlhaar: Das hatte ich während meiner Datingphase geschrieben. Damit meine ich: Dank meiner Behinderung erkenne ich ganz schnell, wer nicht offen genug ist. Wer mich auf meine Behinderung reduziert und mich ausgrenzt, der ist mir zu kleingeistig. Mit dem muss ich mich dann nicht weiter beschäftigen. Der Beitrag hatte bis zu 20 000 Zugriffe am Tag.
Frage: Sie schreiben viel über Liebe, Lust und Leidenschaft. Das dürfte für manche irritierend sein.
Gehlhaar: Ich bin mit meiner Sexualität immer sehr natürlich und offen umgegangen. Beziehungen, Affären mit allem was dazugehört, sind immer Teil meines Lebens gewesen. Seit zwei Jahren wohne ich mit meinem Freund zusammen. Er sieht meine Behinderung genauso wie ich: Als ein natürliches Merkmal, das ganz einfach dazugehört.
Frage: Im Internet wird viel geduzt. Wieso haben Sie sich für den Blog-Namen „Frau Gehlhaar“ entschieden?
Gehlhaar: Da habe ich sehr lange rumüberlegt (lacht). „Frau Gehlhaar“ gefiel mir, weil viele Leute mich immer als das kleine, süße, blonde Mädchen wahrgenommen haben, das man eben duzt. Da wollte ich mal klarstellen: Seit meinem 18. Lebensjahr bin ich mündig. Außerdem hat das Duzen oft so etwas von „Guck-mal-ich-hab-gar-kein-Problem-mit-deiner-Behinderung“. Da kann ich auch drauf verzichten.
Frage: Was planen Sie für die Zukunft?
Gehlhaar: Mein Blog zieht gerade um, auf der neuen Plattform kann ich mich mehr austoben. Außerdem möchte ich Menschen mit Behinderungen weiter empowern, sich mehr für ihre Rechte einzusetzen. Wenn das neue Projekt dazu spruchreif ist, werde ich in meinem Blog berichten.
Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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