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NWZonline.de Ratgeber Digitale Welt

„Seien Sie mal cooler, Herr Stoiber, komm!“

09.05.2019

Berlin Das Publikum auf Bühne 6 der Berliner Media Convention ist eine harte Nuss für Moderator Cherno Jobatey. „Wer von euch ist für ein starkes Europa?“ heizt der quirlige Fragensteller die Gäste an. Ein paar müde Arme strecken sich in die Höhe. Okay, das geht besser. Gegenprobe: „Wen von euch nervt Europa?“ Wieder sieht man vereinzelte Hände. Die Veranstaltung „#gehwählen – Europawahl 2019“ ist gerade einmal zwei Minuten alt, und schon macht sich der Eindruck breit, dass die Frage „Wer ist von Cherno Jobatey genervt?“, die meiste Zustimmung gefunden hätte.

Und das ist traurig. Denn der Anlass des Zusammentreffens der Moderatorin Funda Vanroy, der Kommunikationsstrategin und Vorsitzenden des netzpolitischen Vereins „Load“ e.V., Ann Cathrin Riedel, des Rappers und Schauspielers Eko Fresh sowie des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber hat ein ehrenwertes Ziel: Menschen und speziell junge Leute für Europa und die Europawahl zu begeistern. Die Veranstaltung gerät allerdings zu einer peinlichen politischen Kaffeefahrt mit einem übermotivierten Reisebegleiter, der andauernd schlechte Witze macht.

Jobatey beginnt die Kampagnensitzung mit der originellen Frage, wie Europa schmecken würde, wenn es ein Gericht wäre. Von Eisbecher über Flammkuchen bis zum Salat ist alles dabei – und Edmund Stoiber sieht das Projekt „Europa“ als einen Gemüseeintopf: kräftig, mit verschiedenem Gemüse, aber einheitlich: Denn am Ende wird alles umgerührt. Das Publikum bedenkt die Einfälle der Diskutanten mit gefälligem Applaus. Als die Klatscher nach einem Beitrag von Funda Vanroy schleppend dahin kleckern, wird es Cherno Jobatey zu bunt: „So geht das nicht, da muss auch was zurückkommen“, lässt er die Zuschauer wissen und: „Das Berliner Publikum braucht eine harte Hand.“ Von da an klatscht man pflichtbewusst mit. Nun hat Jobatey seine Jubelperser für die europäische Idee.

Der die Mehrheit des Publikums sich vermutlich ohnehin verpflichtet fühlt – doch um die Menschen im Saal geht es auch gar nicht. Und so tut es nicht weh, mit anzuhören, was die vier Talkgäste als Vorteile Europas ausmachen (Offene Grenzen, freies Roaming, eine einheitliche Währung, Frieden und die persönliche Freiheit), doch wie diese Botschaften an die Menschen gebracht werden sollen, da fehlt es zumindest anfangs an klaren Ideen.

Funda Vanroy immerhin sieht es als Aufgabe von ProSiebenSat.1 (ihrem Arbeitgeber) an, die Vorteile Europas zu vermitteln – immerhin erreiche ProSiebenSat.1 mehr junge Leute als die anderen Sender. Und auch Moderator Jobatey und ProSiebenSat.1-Beiratsvorsitzender Edmund Stoiber werden nicht müde, zu erwähnen, dass es sich bei #gehwählen um eine Aktion von ProSiebenSat.1 handelt. Kurze Spots mit Joko, Klaas, Frank Rosin und anderen Gesichtern der Sendergruppe unterstreichen das zusätzlich. Ach ja, Eko Fresh hat eine neue Single rausgebracht. Zwischendurch verliert der Zuschauer den Überblick, für wen oder was hier eigentlich geworben werden soll.

Immerhin geben sich die Beteiligten Mühe, Begeisterung für das Thema zu erwecken. Ann Cathrin Riedel appelliert, sich politisch zu engagieren und Politiker über soziale Medien zu kontaktieren, wenn der Gang in den Ortsverein nicht das Mittel der Wahl sein sollte. Eko Fresh erfüllt seine Rolle als lässiger Gesprächspartner, der dennoch ein ernstes Anliegen hat, sehr gut: „In meinem Song geht es um Verantwortung – aber ich muss natürlich dabei auch cool sein und cool rappen.“ Bei ihm ist das Publikum tatsächlich ernsthaft amüsiert – auch ohne den von Jobatey verordneten Klatschzwang.

Und Edmund Stoiber ist eben immer noch Edmund Stoiber. Auf der großen Bühne tummeln sich längst andere, aber der 77-Jährige präsentiert sich wie eh und je: Er bandwurmt einen Satz nach dem anderen („Bei der Europawahl haben wir – weil es auch entfernter liegt, man kriegt natürlich in Europa weniger mit… weil Europa ist ja auch größer“ – und am Ende des Satzes geht es um China) und hält tatsächlich leidenschaftliche Plädoyers für die europäische Sache. Zwischendurch überrascht Stoiber aber auch, indem er das politische Engagement der Jugend, zum Beispiel für das Klima, lobt. Das Wort Schulpflicht geht ihm nicht über die Lippen, und das ist für einen CSU-Politiker durchaus ungewöhnlich. „Diese jungen Leute sind anders als die Null-Bock-Generation des Jahres 2000“, sagt er, der Generation Golf in einem kurzen Satz nebenbei ins Gesicht schlagend. „Nehmt die Chance wahr, geht zur Wahl! Tut was! Tut was!“ Stoiber ist in Hochform, dem Publikum gefällt’s.

Cherno Jobatey versucht, die Glut der bayerischen Leidenschaft am Lodern (oder Lot am Gludern?) zu halten: „Wie können wir mehr Pfeffer in die Debatte bringen? Dass die Leute so werden wie Edmund Stoiber?“ Ann Cathrin Riedel sagt, dass es vor allem Einzelthemen sind, die die Menschen für Politik begeistern, sei es das Klima, Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform oder – wie bei ihr – die Vorratsdatenspeicherung. „Sprecht darüber“, fordert sie und erinnert daran, dass wir alle Influencer sind, die über Instagram und Co. zeigen können, „was wichtig ist an Europa.“ Und schon wird das ganze Gespräch etwas zielführender.

Richtig in Gang kommt es aber nicht. Das liegt auch am Moderator. Jobatey fällt den Teilnehmern regelmäßig ins Wort, gluckst und kichert in einer Tour und stellt seltsame Fragen. Als Edmund Stoiber sich gerade wieder gewohnt langatmig, aber voller Ibrunst fürs Wählengehen stark gemacht hat („Ich bin Staatsbürger! Ich bin Deutscher! Ich will was für Europa erreichen!“), würgt Jobatey mit der Frage „Waren Sie eigentlich ein strenger Vater?“ das zarte Pflänzchen Emotion wieder ab. Pflichtbewusst spult der frühere Kanzlerkandidat eine Antwort ab, sagt unter anderem, dass er seine Kinder nicht geschlagen hat, „ich selbst habe aber auch eine Watschen bekommen.“ „Hat ihnen aber nicht geschadet?“, erkundigt sich der Moderator.

Schließlich geht es noch um die Europafeinde: „Es gibt in Deutschland Bundesländer, da haben die Europa-Feinde zweistellige Werte“, sagt Jobatey. Ein Jubelschrei ertönt aus dem Publikum – und da ist selbst der Moderator für einen kurzen Moment sprachlos. Doch mit deren negativer Sicht solle man sich gar nicht beschäftigen, fordert Eko Fresh: „Wir sollten das Positive hervorheben und das Negative beiseite kriegen.“ Und davon habe Europa eine Menge anzubieten: „Wir sind alle Europa-Fans. Wir sind cooler als Nordamerika!“

Es bleibt die Frage: Wie vermittelt man diese Coolness? Oder, wie es Cherno Jobatey ausdrückt: „Doch die PS kriegt man nicht auf die Straße. Wie kann man Politik cooler machen? Seien Sie mal cooler, Herr Stoiber, komm!“ Stoiber ringt sich zu einem Lächeln durch. Er wird am 26. Mai wählen gehen. Viele aus dem Publikum auch, und das ist doch ein Gewinn. Diese Veranstaltung war es auf jeden Fall nicht.

Christian Schwarz Redakteur / Online-Redaktion
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