Berlin - An manchen Tagen spricht man mit Siri, Alexa und Co mehr als mit der Partnerin oder dem Partner. Was ist denn da los? Oder kann so eine neue digitale Beziehung in Pandemie-Zeiten sogar von Vorteil sein?
Für viele Menschen gehören Sprachassistenten längst zum Alltag. Sie beantworten Fragen, helfen, schnell an Informationen zu gelangen, spielen auf knappen Befehl hin Musik oder erinnern an Termine. Durch freundliche Stimmen und vorprogrammierte Antworten auf lustige oder philosophische Fragen könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass man eine Art Beziehung pflegt.
Aber auch nur fast. Denn in der Interaktion mit Technik vermenschlichen Menschen gern Objekte, um Prozesse zu erklären, die sie sonst nicht verstehen, sagt Esther Görnemann von der Wirtschaftsuniversität Wien. Besonders stark ausgeprägt sei die Tendenz zur Vermenschlichung bei Kindern.
Es gebe aber auch ein soziales Motiv dafür, Objekte zu vermenschlichen, sagt Görnemann. Wer einsam ist, neige eher dazu, soziale Bindungen zu Objekten aufzubauen.
Telefonier’ mal wieder!
Generell sollte man sich aber keine Sorgen machen, wenn man bemerkt, dass man viel mit einem digitalen Assistenten spricht, meint Prof. Arvid Kappas von der Jacobs University Bremen. „Wir wissen, dass Isolationshaft mit das Schlimmste ist, was man Menschen zumuten kann. Wenn jemand keine Möglichkeit hat, mit irgendjemand anderes zu sprechen oder zusammen zu sein, kann so etwas passieren“, erklärt der Psychologe. Grundsätzlich sollte man aber versuchen, das Konto sozialer Interaktionen auch mit anderen Mitteln aufzubauen und etwa lieber mit realen Menschen telefonieren.
Dass Kinder in der Lage sind, komplexe Interaktionen mit nicht lebenden Gegenständen zu führen, sei keine neue Entwicklung. Die neuste Generation Sprachassistenten könne lediglich wesentlich besser Sprache verstehen, als dies früher der Fall war. Trotzdem sei man im Moment immer noch relativ weit davon entfernt, eine tiefgehende Konversation mit einem Assistenten führen zu können.
Kein Seelentröster
Grundsätzlich betrachtet seien Sprachassistenten ja erst einmal nur ein weiteres Medium, um Kommunikation zu führen und Dinge zu beschleunigen, meint Prof. Andreas Dengel, Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Als Seelentröster würden sie hingegen nicht taugen. Und zwar unter anderem deshalb, weil sie Empathie nur vorspielen und auch nur bedingt ausüben könnten.
Chancen für Senioren
Neben Risiken sieht Prof. Kappas aber auch die Chancen von Sprachassistenten. Gerade für ältere Menschen könnten sie einen Zuwachs an Freiheit bedeuten. Ein Sprachassistent könne als Begleiter bei bestimmten Themen helfen, indem er zum Beispiel an Termine erinnert oder daran, Medikamente einzunehmen.
