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NWZonline.de Ratgeber Digitale Welt

Eine große Chance für Eltern

30.06.2015

Oldenburg „Darf ich mich in dem Artikel bei meinen Eltern bedanken?“ Die Frage geht unter die Haut. Im Oldenburger Treffpunkt „Hempels“ sitzen acht junge Lesben und Schwule und berichten, wem sie sich wann anvertraut haben in Sachen Homosexualität. Der 16 Jahre alten Anna-Lena liegt vor allem eines am Herzen: Ihre Eltern sollen wissen, wie unglaublich dankbar sie für deren Unterstützung ist. „Meine Eltern sind stolz auf mich, weil ich mich nicht unterkriegen lasse“, sagt die Schülerin der Oberschule Ofenerdiek. „Ohne sie könnte ich da nicht so selbstbewusst mit umgehen.“

Bis zu diesem Punkt war es für Anna-Lena – wie für die allermeisten homosexuellen Jugendlichen – ein schwerer Weg. „Das war ein riesiger Konflikt, als ich merkte, dass ich eher auf Mädchen stehe. Ich habe wochenlang geweint, weil mein Kopf sagte: Das darfst du nicht.“ Die großen Sorgen waren: Haben meine Eltern mich noch lieb? Verbieten sie mir den Kontakt zu Freundinnen? Muss ich in Zukunft alles geheim halten? „Das hat mich innerlich aufgefressen.“

Als Zwischenlösung für die Offenbarung gegenüber den Eltern vertraute sich Anna-Lena ihrer Patentante an, kurz darauf wussten die Eltern Bescheid – und Anna-Lena konnte aufatmen. „Meine Mama hat ganz in Ruhe mit mir gesprochen und gesagt, dass ich keine Angst haben brauche“, schildert das Einzelkind den Moment, der die Verbundenheit mit den Eltern noch wachsen ließ. „Im ersten Moment waren wir schon ein bisschen geschockt“, räumt Anna-Lenas Vater Andreas (38) ein, der in einem Call-Center in Oldenburg arbeitet. „Wir haben überlegt: Wie ist das denn mit Enkelkindern? Sind alle anderen auch so tolerant wie wir oder wird sie Probleme bekommen?“ Nach vielen Gesprächen in der Familie war aber klar: So wie es ist, ist es gut. Und das Verhältnis zwischen Eltern und Tochter hat durch das Vertrauen und die liebevolle Reaktion gewonnen.

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Von der Mutter ging die Initiative aus, dass Anna-Lena die Jugendgruppe „Ernie und Bert“ des Oldenburger Lesben- und Schwulenzentrums besucht, die sich jeden Freitag ab 18 Uhr im „Hempels“ trifft. In der Runde wird deutlich, wie unterschiedlich die Wege zur Offenlegung der Gefühle sind. Für viele Lesben und Schwule besteht ein großer Unterschied zwischen dem selbst initiierten „Coming out“ und dem „Outing“ durch andere – auch wenn die Worte oft synonym verwendet werden. Ganz schlimm: wenn Freunde das ihnen Anvertraute weitertratschen.

Der 22 Jahre alte Rene berichtet, er sei mit 17 Jahren von einem Arbeitskollegen angesprochen worden: „Kann es sein, dass du eher auf Männer stehst?“ Renes Glück: Der Kollege war selbst schwul. Für die anderen Mitarbeiter und den Chef in der Edewechter Baumschule war das also nichts Neues. Außer ein paar blöden Sprüchen bei Wörtern wie „Rohr“ oder „Wasserschlauch“ hat der 22-Jährige im Arbeitsalltag nichts auszustehen. „Und da kann man mit leben“, sagt Rene lachend. „Der Kollege hat mir sozusagen den Weg geebnet.“

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Junge Lesben und Schwule leiden häufig unter Ablehnung, Einsamkeit, Mobbing oder sogar körperlicher Gewalt. Das Suizidrisiko bei homosexuellen Zwölf- bis 25-Jährigen liegt vier- bis siebenmal höher als bei gleichaltrigen Heterosexuellen, so der Kölner Verein „Coming Out Day“.

Viele Homosexuelle haben am Anfang das Gefühl, mit ihnen sei „etwas falsch“ und sie könnten mit niemandem reden. Dass dies nicht so ist, erleben sie bei „Ernie und Bert“, der Jugendgruppe des Oldenburger Lesben- und Schwulenzentrums des Na Und e.V., die sich jeden Freitag ab 18 Uhr in der Ziegelhofstraße 83 trifft. Beliebt zum Austausch sind auch die Internetseiten „Du bist nicht allein“ (dbna) für schwule Jungs, queer.de und lsvd.de des Lesben- und Schwulenverbandes.

Den Eltern kommt in der schwierigen Phase des Coming-out eine ganz wichtige Rolle zu, stellt der Bundesverbandes der Eltern, Freunde und Angehörige von Homosexuellen (befah) fest. Das habe sich in allen Ländern der Welt gezeigt.

Gerade in typischen „Männerberufen“ wie im Handwerk ist die Zurückhaltung aber groß. Ein 19-Jähriger aus dem Ammerland beispielsweise, der eine Ausbildung in einer Tischlerei macht, hat sich nur vor Freunden und innerhalb der Jugendgruppe im „Hempels“ geoutet, wo er als „Teamer“ sogar Ansprechpartner für die anderen ist. Den Eltern will er sich bald anvertrauen, bei der Arbeit und der Freiwilligen Feuerwehr, in der er aktiv ist, soll keiner etwas wissen. „Wenn ich weggezogen bin, ist mir das egal. Aber solange ich da lebe, ist das besser so für mich.“ Nach der Ausbildung will er auf jeden Fall in eine Großstadt ziehen, am liebsten nach Frankfurt.

Auch wenn die Familie Bescheid weiß und „positiv reagiert hat“ – so die häufige Formulierung für den so bedeutenden Moment – sehen viele Homosexuelle vom Coming-out am Arbeitsplatz lieber ab. Ein junger Mann, ebenfalls 19 Jahre alt und aus dem Ammerland, berichtet: „Ich war früher viel allein zuhause. Irgendwann habe ich über die Internetplattform dbna.de Kontakt zu anderen Schwulen gefunden und war oft lange weg. Eines nachts stand dann meine Mutter vor meinem Bett und fragte mich von sich aus, ob ich schwul sei. Sie fand das gar nicht schlimm.“ Auch Vater und Bruder hätten gut reagiert, dennoch will die angehende Fachkraft für Lagerlogistik in der Firma ungeoutet bleiben. „Da gibt es schon ein paar schwulenfeindliche Personen.“

Ob weinende Mütter, wütende Väter oder ganz entspannte Eltern, dümmliche Kommentare in der Kantine oder kollegialer Beistand, Mobbing in der Pausenhalle oder aufrichtige Freundschaft – die Reaktionen auf das Coming-out von jungen Lesben und Schwulen fallen sehr unterschiedlich aus. Das klare Ja zur Homo-Ehe in Irland hat dem Thema Aufmerksamkeit beschert. Aber Vorurteile, Ängste und Sorgen sitzen tief. So werden junge Homosexuelle und ihre Familien auch weiter turbulente Gefühle durchleben, in denen der Austausch mit anderen gut tut.

„Uns geht es vor allem darum, dass niemand allein ist“, sagt der Teamer von „Ernie und Bert“. Über die sexuelle Orientierung der Namensgeber aus der Sesamstraße wurde übrigens viel gemunkelt, die offizielle Eheschließung blieb ihnen bisher verwehrt. Das Parade-Pärchen der Homoszene symbolisiert, wie nah Spaß und Ernst beim Thema Homosexualität beieinander liegen. So wird auch manches Outing mit etwas Abstand zur amüsanten Anekdote, wie beispielsweise der Vater aus Ganderkesee, der seinem schwulen Sohn entgegnete: „Kommt überhaupt nicht in Frage“ oder die Großmutter aus dem Kreis Cloppenburg, die fragte: „Tut das weh?“ Lustig im Nachhinein, doch in dem Moment ist der Leidensdruck groß. Anna-Lenas Vater rät: „Man sollte sein Kind in der Zeit auf keinen Fall alleine lassen, damit es nicht den Eindruck hat, an ihm sei etwas falsch.“ Die rührende Reaktion seiner Tochter gibt ihm Recht.

Irmela Herold
Redakteurin
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2152

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