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NWZonline.de Ratgeber Digitale Welt

Hat das Internet den Hasen zur Strecke gebracht?

05.04.2016

New York Zum Beispiel zerbrechendes Geschirr. Oder ein Frauenfuß im Stiletto, der auf ein Gaspedal tritt und den Motor aufheulen lässt. Oder Roboter, Armeestiefel, Zahnspangen, Windeln, Pool-Spielzeuge, Telepathie und schlechter Atem: Glaubt man einer im Internet kursierenden Karte der modernen Fetisch-Landschaft, gibt es im Bereich sexueller Vorlieben heute fast nichts, was es nicht gibt. Und kaum ein Fetischist muss sich heute sorgen, dass er im Netz mit paar Klicks keine Gleichgesinnten findet.

Für den „Playboy“, jahrelang Stern am Himmel der Männermagazine und Grundlage des Imperiums von Gründer Hugh Hefner, sind das keine guten Nachrichten. Den „Tod des Softcore-Pornos“ verkündete der Finanznachrichtendienst Bloomberg schon 2013. Seit dem digitalen Dammbruch in den 90er Jahren, bei dem das Internet eine wachsende Flutwelle an pornografischem Material jeglicher Couleur in alle Welt spülte, muss das Magazin sich fragen, wohin die Lustreise gehen soll. Hat der „Playboy“ ausgedient?

Als die erste Ausgabe 1953 in den USA am Kiosk lag, war ihr Kauf für 50 Cent auch eine Art Protest gegen Zensur. Lifestyle-Tipps und Witze füllten die Seiten, wo Busen es nicht taten, doch Hingucker und klares Verkaufsargument blieben nackte Models. Heute würden Hetero-Männer wohl kein Magazin mehr kaufen, nur um nackte Mädchen zu sehen, vermutet das Portal „Slate“. Wo damals ein „Playboy“ in der Schublade des Vaters für Aufregung sorgen konnten, scheint selbst für manche Zwölfjährige der Klick auf ein paar Hardcore-Videos heute keine große Sensation mehr zu sein. „Playboy“ ist „old school“.

Die Auflage, die in den goldenen 1970er Jahren einst bei bei 7,16 Millionen Exemplaren glänzte, liegt heute bei 820 000 Stück. Dass der „Playboy“ umdenken musste, war auch den Machern in Chicago klar. Und trotzdem saß der Schock tief, als im Herbst verkündet wurde, dass die Models ihre Hüllen künftig nicht mehr fallen lassen, sondern nur leicht bekleidet vor die Kamera treten würden. Der „Playboy“ verwandle sich in ein „Magazin über nichts“, titelte die „Washington Post“.

Schuld ist in großen Teilen die immer noch hemmungslos regierende Umsonst-Kultur im Internet - teilweise aber auch der „Playboy“ selbst. Denn der Siegeszug seiner Foto-Pornografie, mit der er eine verklemmte in eine zumindest teilweise enthemmte Gesellschaft verwandelte, hat einer noch viel enthemmteren Generation die Tore geöffnet. Inzwischen sind Pornos auf dem Markt für VR-Brillen (VR steht für Virtuelle Realität) angekommen, wer braucht da noch ein Magazin?

Mithilfe der bekleideten Models könnte sich das Heft zwar eine jüngere Leserschaft erschließen oder in China Anschluss finden, wo Pornografie illegal ist. Aber kann das eingestaubte Herrenblatt an die Jugend anknüpfen, indem es wie in der Februar-Ausgabe ein Snapchat- und Instagram-Sternchen auf das Cover setzt und in Chat-Sprache mit „heyyy ;)“ titelt? Vergrößertes und höherwertiges Papier soll beim Leser den Eindruck erwecken, dass er nicht ein verbotenes Schmuddelheft in der Hand hält, sondern erotische Fotokunst in Hochglanz. Ob die Rolle rückwärts gelingt, ist offen.

Eine Stütze könnte der oft belächelte redaktionelle Teil aus Interviews, Kolumnen und anderen journalistischen Beiträgen sein. Denn neben all den betörenden Blondinen und barbusigen Brünetten ließen sich die teils bemerkenswerten Artikel im „Playboy“ leicht übersehen: Das Interview mit Jazzmusiker Miles Davis von 1962 etwa, der sich mit dem berühmten Journalisten und Schriftsteller Alex Haley über Rassismus in den USA austauschte.

Oder das umstrittene Gespräch mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter im Jahr 1976, oder mit Filmemacher Stanley Kubrick von 1968, der gerade „2001: Odyssee im Weltraum“ veröffentlicht hatte und New York als „sehr feindselige Stadt“ bezeichnet.

Unvergessen auch das Interview mit dem später ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King: „Wenn ich ständig Angst vor dem Tod hätte, könnte ich nicht funktionieren.“ Es könne ihm jederzeit etwas zustoßen. „Ich fühle aber, dass mein Anliegen so richtig, so moralisch ist, dass es dem Zweck auf irgendeine Weise helfen würde, sollte ich mein Leben verlieren.“ Auch namhaften Autoren wie Haruki Murakami und Margaret Atwood bot das Heft eine Plattform.

Der Schritt zu bekleideten Models ist insofern geschickt, als der „Playboy“ Werbe-Experten zufolge für hochwertige Marken interessant sein kann. Dennoch wird es kein Kinderspiel, den Namen vom Image nackter „Bunnies“ zu lösen. Sicher ist: Der „Playboy“ muss mehr sein als nur der Guckkasten zum sexy Mädchen von nebenan.

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