Rosenheim/Brüssel - Der Spuk ist augenscheinlich vorbei. Nachdem die Facebookseite „Little Miss & Mister“ über Monate Eltern durch fragwürdige Fotos von Kindern in Sorge versetzt hat, wurde sie Ende vergangener Woche offenbar gesperrt. Nach Angaben eines Administrators war die Seite bereits am Donnerstagabend gelöscht worden, eine neu angelegte sei dann am Freitag aus dem Verkehr gezogen worden – ebenso alle damit im Zusammenhang stehenden Profile. Facebook selbst äußert sich generell nicht zu einzelnen Seiten und Profilen.

Was war passiert? Seit Ende Dezember waren dort unzählige Fotos von Kindern zusammengekommen, darunter Bilder von Babys und Kleinkindern – zum Teil nahezu nackt, in der Badewanne, in Unterwäsche oder in Badebekleidung am Strand. Das Profilbild der Seite, die rund 660 Menschen abonniert hatten, zeigte ein Kind, das sich mit Lippenstift schminkt.

Wer dahinter steckte, bleibt im Unklaren. Die Betreiber der Facebookseite gaben sich den offensichtlich ironisch gemeinten Namen „SAsha TIschREin“, ein Buchstabenspiele mit dem Begriff „Satire“. Mails an die auf der ursprünglichen Seite angegebene belgische E-Mail-Adresse kamen als unzustellbar zurück, Anrufe bei einer angegebenen Nummer führten zu Personen, die wohl nichts mit der Seite zu tun hatten.

Auf eine Anfrage via Facebook-Nachricht antwortete ein Administrator: „Viele FB Nutzer schmeißen ihre Informationen durchs www wie Konfetti. Genau das wollen wir aufzeigen. Besonders liegt uns der Schutz von Kinderbildern am Herzen. Das www ist voll von üblen Menschen, die diese Bilder für ihre Zwecke missbrauchen und dem wollen wir entgegen wirken.“ Warum sie nicht offenlegen, wer sie sind? „Wir schützen uns und unsere Familien. Mit den ,Wutmuttis’ ist nicht zu spaßen.“ Gleichzeitig schickten die Betreiber Screenshots von Beschimpfungen und Drohungen betroffener Eltern.

Die Seite hackte keine Profile, sie teilte lediglich die Bilder von Kindern, die für alle öffentlich sichtbar waren – und machte deutlich, wie man die Privatsphäre-Einstellungen ändern kann.

„Das Phänomen ist in unserem Fachdezernat Cybercrime bekannt“, sagt ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes. „Eine Straftat lässt sich daraus nicht ableiten, da die Eltern in der Regel diese Bilder posten und entsprechend freigeben.“ Somit sei der Zugriff auf die jeweiligen Bilder erlaubt.

Eine 33-jährige Mutter aus Rosenheim hatte ein zehn Jahre altes Foto ihres Sohnes auf der Facebookseite entdeckt. „Ich habe mir die Seite angeschaut, und mich hat der Schlag getroffen. Da konnte ich nicht an mich halten, habe geschrieben, was ich davon halte – und so schnell konnte ich gar nicht gucken, da war ich selber Opfer.“ Rasch hatte jemand ein Bild ihres sechsjährigen Sohnes auf ihrer Seite gefunden und geteilt.

Einträge, die bei Facebook öffentlich und nicht nur für Freunde sichtbar sind, können problemlos mit einem Klick weiter verbreitet werden. Im Zweifel merken das die Betroffenen nicht einmal. Eine Benachrichtigung gibt es nur beim ersten Teilen. Facebook äußert sich nicht zum konkreten Fall und weist darauf hin, dass Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen festlegen können, wer ihre Bilder sehen kann. Befinden sich die Einstellungen auf „öffentlich“, sind auch die Posts öffentlich. Eine Umstellung auf Sichtbarkeit nur für Freunde kann das Problem beheben.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg sieht in dem Trend zum „Sharenting“, einem Kunstwort aus „share“ (teilen) und „parenting“ (Kindererziehung), die Wurzel des Übels. Wenn Eltern keine Bilder von ihren Kindern öffentlich machten, gäbe es auch eine solche Seite nicht. „Bilder von erkennbaren Kindern haben im Netz prinzipiell nichts verloren“, sagt Rüdiger.