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NWZonline.de Ratgeber Digitale Welt

Endzeitstimmung in der Youtube-Community

10.11.2018

Oldenburg Auf den Schulhöfen der Republik ist die nackte Panik ausgebrochen. „Wenn Du gegen Artikel 13 bist, dann leite das weiter“ – so lauten Nachrichten, die Jugendliche über Whatsapp miteinander teilen. Die Youtube-Videos, die sie sich schicken, haben Millionen Aufrufe und tragen dramatische Titel wie „Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt“, „Mein Kanal wird gelöscht“ oder „Youtube geht 2019 unter“. Endzeitstimmung bei den großen und kleinen Youtubern und ihren Millionen, zumeist jugendlichen Fans.

Denn das Videoportal ist für viele von ihnen Mittelpunkt ihres Bewegtbild-Konsums: Musik, Unterhaltung, Tipps und Nachrichten beziehen Jugendliche heute über Youtube und längst nicht mehr über Fernsehkanäle. Aber wer möchte der Plattform angeblich an den Kragen? Die Youtuber, die unter dem Hashtag #SaveYourInternet alarmierende Videos zu dem Thema posten, berufen sich auf einen Blogeintrag der Youtube-Chefin Susan Wojcicki.

In diesem beschreibt sie die wachsende Kreativindustrie Youtube als gefährdet und nennt Artikel 13 der EU-Urheberrechtslinie als Grund dafür. Dieser könne das „Internet, das ihr heute seht, drastisch verändern.“ Die Möglichkeit für Millionen Nutzer, Videos auf Youtube hochzuladen, drohe eingestellt zu werden, und selbst die Filme, die bereits jetzt abrufbar sind, könnten für EU-Bürger bald nicht mehr zu finden sein. Davon betroffen seien auch „Bildungsinhalte wie Sprachkurse, Physik-Seminare und sonstige Anleitungsvideos“, so Wojcicki.

Was ist Artikel 13 der Urheberrechtsrichtlinie?

Doch was sagt Artikel 13 eigentlich aus? Im September 2018 stimmte das EU-Parlament dem Entwurf des CDU-Parlamentariers Axel Voss zu, wie das EU-weite Urheberrecht verändert werden solle. Endgültig entschieden werden soll über die Richtlinie im kommenden Jahr vor der Europawahl im Mai 2019. Sie müsste dann in den Mitglieder-Parlamenten in nationales Recht umgesetzt werden.

Ziel der Reform ist es, die rechtliche Position von Urheberrechtsbesitzern im Internet zu verbessern. Wer also die Urheberrechte für bestimmte Fotos, Filme oder Texte besitzt, soll sicher sein, dass diese nicht ohne seine Zustimmung im Internet verbreitet werden – zum Beispiel über Youtube, Facebook, Instagram oder Twitter. Und hier kommt Artikel 13 ins Spiel, der wohl umstrittenste Abschnitt der Richtlinie. An ihm scheiden sich die Geister, und dieser Riss verläuft selbst innerhalb der Fraktionen im EU-Parlament.

Keine Angst vor Artikel 13: CDU-Abgeordneter Axel Voss zur Urheberrechtsreform:

Zentraler Punkt des Artikels ist, dass große kommerzielle Online-Plattformen, die ihren Nutzern das Hochladen von Inhalten gestatten, mit den Rechteinhabern über die Nutzung hochgeladener Inhalte verhandeln müssen – um gegebenenfalls eine Vergütungsregelung zu treffen. Dies würde Nutzern gestatten, urheberrechtlich geschützte Inhalte hochzuladen – sofern sie Teil dieser Lizenzvereinbarung sind. Die Urheber würden dann für ihren Inhalt bezahlt, von der Plattform, die über Werbung ja Geld mit den Inhalten verdient.

Sind Uploadfilter die Lösung?

Dass auf den Plattformen keine anderen urheberrechtlich geschützten Inhalte erscheinen, dafür sollen diese selbst sorgen und gegebenenfalls haften: ein schwieriges Unterfangen. Denn wer soll die 400 Stunden Videomaterial, die laut Youtube innerhalb einer Minute auf die Server geladen werden, auf Urheberverstöße kontrollieren? Das ginge in der Praxis nur über sogenannte Uploadfilter, also Programme, die die von Internetnutzern hochgeladenen Inhalte automatisch auf mögliche Urheberrechtsverletzungen untersuchen. Bei Verstößen gegen das Urheberrecht würden diese gar nicht erst hochgeladen.

An den Uploadfiltern entlädt sich schon seit einigen Monaten die Kritik von vielen Seiten. Zum einen würden sie das Schaffen von Memes erschweren bzw. unmöglich machen. Memes nennen sich (zum Teil urheberrechtlich geschützte) Bilder und Videos, die meistens mit Text versehen sind oder auf eine andere Art verfremdet wurden – und haben satirischen Charakter oder dienen schlicht der Unterhaltung. Jeder hat solche Bilder schon einmal auf Facebook gesehen oder per Whatsapp geschickt bekommen. Manche sagen, das Internet sei erst durch dieses kreative „Remixen“ zu dem geworden, was es heute ist.

Ein Meme: Bild, Text und was zum Lachen. An dem genutzten Bild hat jemand die Urheberrechte. Das „Recht auf Remix“ muss erhalten bleiben, fordern Kritiker von Uploadfiltern.

Außerdem sind Uploadfilter fehleranfällig: Youtube selbst setzt mit „Content ID“ zum Beispiel schon seit Jahren einen solchen Filter ein – der aber auch nicht alle Urheberrechtsverstöße erkennt und auch immer wieder Videos fälschlicherweise sperrt. Schließlich gibt es noch ein ganz profanes Problem: Wie sollen Uploadfilter Urheberrechtsverstöße erkennen, von denen Youtube gar nicht weiß, dass es Verstöße sind? Denn jedes Bild, jedes Video, jeder Text hat einen Urheber. Aber nicht jeder Urheber nimmt Verhandlungen mit dem größten Online-Videoportal der Welt auf.

Im schlechtesten Fall erwischt es die Kleinsten

Youtube-Chefin Wojcicki spricht in ihrem Blog also die schlimmstmöglichen Folgen von Artikel 13 an: Sollte ihre Plattform für alle Urheberrechtsverstöße ihrer Millionen Mitglieder haften müssen, die sie nicht durch Uploadfilter verhindern konnte, müsste Youtube tatsächlich kleinere Kanäle sperren. Mit den großen wären Vereinbarungen möglich, in denen „Bibi“, „LeFloid“, „Die Lochis“ und Co. zusichern, keine Urheberrechtsverletzungen zu begehen. Dieses Vertrauen könnte Youtube verständlicherweise nicht jedem einzelnen Internetnutzer entgegen bringen, der dort Videos hochlädt.

Dass es aber so weit kommt, ist höchst unwahrscheinlich. Zum einen ist der Artikel 13 noch lange nicht verabschiedet. Dem Entwurf hat das Parlament zugestimmt, nun diskutieren Mitglieder des EU-Rats, der EU-Kommission und des EU-Parlaments noch über mögliche Änderungen. Die Änderungsvorschläge hat die Abgeordnete Julia Reda von den Piraten hier zusammengefasst. Und dabei könnte durchaus herauskommen, dass schon die Verwendung von Uploadfiltern Youtube vor einer Haftung bei Urheberrechtsüberschreitungen schützt. Damit wäre Youtube vermutlich zufrieden, weil es für die auftretenden Verstöße nicht mehr geradestehen müsste. Dazu kommt, dass die Mehrheit für den Entwurf von Artikel 13 schon bei der letzten Abstimmung im September relativ knapp war, 366 stimmten dafür, 297 dagegen. Dieser Vorsprung könnte noch schmelzen.

Und was bedeutet das für die Schülerinnen und Schüler, die zum Teil sogar davor Angst haben, dass das Internet gelöscht wird? Abwarten und die Ruhe bewahren. Das Internet wird bestehen bleiben, und die schlimmsten Befürchtungen werden wahrscheinlich nicht wahr. Auch die gigantische Welle von Millionenstrafen und Abmahnungen, die nach der Verabschiedung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes oder der Datenschutzgrundverordnung von vielen befürchtet wurde, blieb aus.

Engagement der Jugend geweckt

So schwarz, wie Youtube und seine zahlreichen Video-Produzenten die Zukunft zeichnen, ist sie nicht. Ein Gutes hat der Proteststurm und die Aufregung der Jugendlichen aber schon bewirkt: Wenn 15-Jährige sich in Scharen in sozialen Medien für ein Thema einsetzen, das auf höchster politischer Ebene entschieden wird, ist das gerade in Zeiten von Politikverdrossenheit und Demokratiemüdigkeit ein ermutigendes Zeichen. Selbst wenn es nur darum geht, weiterhin Mädchen beim Schminken und Jungs beim Zocken zuzuschauen.

Christian Schwarz
Redakteur
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2160

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