München - Der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum in München hat Polizeigeschichte geschrieben. Nicht nur wegen des schrecklichen Verbrechens mit neun ermordeten Menschen, sondern auch, weil sich dort zeigte, wie sehr sich die Kommunikation der Polizei verändert hat. Grund dafür sind Twitter, Facebook und Co, die in der Amoknacht von München eine große Rolle spielten.

Nach Angaben des Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg gibt es in Deutschland inzwischen rund 90 aktive Accounts von Polizeibehörden. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 19. Seitdem auch die Polizei im Saarland seit diesem Sommer facebookt, seien alle Länder- und Bundespolizeien im Netz vertreten.

Das ist ein Umstand, der Datenschützern nicht nur Freude macht: „Im Grundsatz halte ich den Betrieb von Fanpages auf Facebook durch bayerische Behörden derzeit nicht für zulässig“, sagt der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Thomas Petri. „Denn ich gehe von erheblichen Datenschutzverstößen von Facebook im Umgang mit den Nutzungsdaten aus.“ Und dafür hätten die Behörden dann auch eine Mitverantwortung, wenn sie eine eigene Facebook-Seiten einrichteten.

Aber: „Bei einer Fanpage der Bayerischen Polizei sehe auch ich die Sachlage anders, wenn der Betrieb im Zusammenhang mit der Gefahrenabwehr steht“, sagt Petri. „Insofern liegt hier eine besondere Ausnahmesituation vor, in der ich mich nicht grundsätzlich gegen eine Fanpage der bayerischen Polizei wende.“

Für den Kriminologen Rüdiger geht die Polizeipräsenz im Netz sogar noch nicht weit genug: Seiten auf Facebook und Twitter vergleicht er mit Polizeiwachen, zu denen die Bürger auf eigene Initiative gehen müssen. Er fordert zusätzlich sichtbare Polizeistreifen im Netz, um das Sicherheitsgefühl dort zu stärken. „Warum gibt es den Dorfpolizisten für seine Gemeinde nicht auch im Netz?“, sagt er.

In den Niederlanden wurde beispielsweise ein Polizist als Ansprechpartner in einem Online-Spiel für Kinder und Jugendliche eingesetzt, das im Verdacht stand, ein Tummelplatz für Pädophile zu sein. „In Großbritannien und den Niederlanden sind Tausende von Polizeibeamten im Netz vertreten und dienen direkt als Ansprechpartner für den Bürger im Sinne des sogenannten Community Policing“, erzählt Rüdiger. „In Deutschland gibt es nicht einen einzigen Polizeibeamten, der als individueller Polizist dienstlich mit den Bürgern kommuniziert.“