Donnerschwee - Sie ist zierlich und überragt nur die Kinder vom Kindergarten St. Bonifatius, die ihr ein Ständchen bringen: Cilly (Cäcilie) Stephan, früher Pastoralhelferin in St.-Bonifatius (Teilgemeinde der katholischen St.-Marien-Kirchen) feierte am Donnerstag ihren 90. Geburtstag. Zahlreiche Gäste, darunter der Kirchenchor, den sie mitbegründet hat, viele Weggefährten und Pfarrer Bernhard Platzköster waren ins Gemeindehaus am Brahmkamp gekommen, um zu gratulieren.
Aus Mainz angereist war auch Pater Hans-Joachim Lüning, früher Pfarrer in St. Bonifatius. Als er Cilly Stephan die Hand drückte, erklärte sie den Gästen: „Das ist mein alter Chef, aber der ist jünger als ich.“ Und damit brachte die quirlige 90-Jährige, die viele als die „Seele der Gemeinde“ bezeichnen, wieder einmal alle zum Lachen. Ihr Humor, ihre Tatkraft und ihre Lebensfreude werden geschätzt.
Dabei hatte es die in der oberschlesischen Stadt Hindenburg aufgewachsene Cilly Stephan nicht immer leicht im Leben. Sie wuchs in einem liebevollen Elternhaus auf, wirkte schon früh in der Kirchengemeinde in ihrer Heimat mit und wollte Krankenschwester werden. Daraus wurde nichts, der Zweite Weltkrieg brachte alle Pläne durcheinander. Als ihrer Heimatstadt im Januar 1945 durch die Rote Armee besetzt und im März unter polnische Verwaltung gestellt wird, wird auch die Familie Stephan ausgewiesen. Die Mutter entscheidet sich, bei ihrem schwer kranken Mann zu bleiben. Der Bruder gilt als vermisst, und so fährt Cilly Stephan, 23 Jahre alt, alleine mit dem Zug in eine ungewisse Zukunft.
Sie landet in der Gemeinde Berne, findet dann Arbeit in einem Büro in Oldenburg und erhält vier Jahre später die Zuzugsgenehmigung. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in der St.-Marien-Gemeinde. Für den Bereich der St.-Bonifatius-Kirche wird Cilly Stephan 1965 als Seelsorgehelferin, später als Pastoralhelferin eingestellt. Bis 1989 war sie dort hauptamtlich tätig.
Ihre Durchsetzungskraft zeigte sie beispielsweise Anfang der 70er Jahre, als der Vatikan weibliche Ministranten erlaubte. Für viele Kirchenmitglieder und den damaligen Küster jedoch war das eine Zumutung. Minimode und Altar, das passe doch nicht, so die Meinung. Cilly Stephan kaufte Stoffe, nähte liturgische Gewänder für die Mädchen und schaffte damit Tatsachen.
Auch im Ruhestand ist die kleine Frau eine feste Größe in der Pfarrgemeinde. Sie singt noch immer im Kirchenchor, kümmert sich um die Verwaltung im Pfarrbüro und sorgt für den Blumenschmuck in der Kirche.
