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Internationaler Handel Gerechte Bedingungen für Produzenten

Martin Qassemi

Oldenburg/Im Nordwesten - Im Jahr 2011 stieg der Absatz von fair gehandelten Waren in Deutschland laut Fair-Trade Deutschland um 18 Prozent. Das liegt vor allem am stark gestiegenen Umsatz von fair gehandeltem Kaffee, Blumen, Bananen und Süßwaren. Aber auch fair hergestelltes und gehandeltes Kunsthandwerk liegt im Trend, besonders zu Weihnachten. „Das Bewusstsein der Verbraucher für faire Produktionsbedingungen steigt stetig“, so Arne Höper, Inhaber von Contigo Oldenburg. „Immer mehr Menschen machen sich klar, dass bei einem Preis von 9,99 Euro € für eine Jeanshose nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann.“

Keine Kinderarbeit

Was genau versteht man unter fairem Handel? Mitte der siebziger Jahre entstand eine Bewegung, die Gerechtigkeit im internationalen Handel forderte. Grundlagen waren zum einen die Erkenntnis, dass der größte Teil der Bevölkerung in Übersee vom internationalen Welthandel ausgeschlossen war, zum anderen die Forderung nach einer Entwicklungshilfe, die „Hilfe zur Selbsthilfe“ leistet.

Am Beispiel der Handelskette Contigo, die vor 20 Jahren in Göttingen gegründet wurde, lässt sich zeigen, was fairer Handel ist und wie er funktioniert. Contigo betreibt inzwischen in einem Franchise-System 19 Geschäfte, davon eines in Oldenburg und sogar eines in Peking.

Basis des fairen Handels bei Contigo ist ein Grundlagenvertrag, den das Unternehmen mit jedem Handelspartner in Übersee schließt. Dieser Vertrag legt auf beiden Seiten Rechte und Pflichten fest, die einen fairen Handeln sicherstellen und garantieren sollen. Die Produzenten verpflichten sich, keine Kinderarbeit und keine Zwangsarbeit in ihren Betrieben zu dulden, angemessene Löhne zu zahlen, niemanden wegen seiner Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Religion oder politischen Einstellung zu diskriminieren und für gesunde, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Gleichzeitig garantieren die Produzenten Transparenz und die Bereitschaft zur Überprüfung. Contigo verpflichtet sich auf der anderen Seite zur Zahlung fairer, angemessener Preise für die Waren, zu Transparenz bei Preisbildung und Handelswegen, zu kostenloser Beratung der Produzenten, zu garantiert langfristigen Handelskontakten, die den Produzenten wirtschaftliche Sicherheit bieten und vor allem zu Vorleistungen: Damit die Produzenten überhaupt mit der Produktion beginnen können, werden pro Bestellung 50 Prozent Anzahlung geleistet.

Produziert werden die Waren von Familienbetrieben, Genossenschaften, Dorfgemeinschaften oder sozial engagierten, mittelständischen Betrieben. Contigo führt bei seinen Handelspartnern interne und externe Kontrollen durch. Das bedeutet, dass Contigo-Mitarbeiter selbst regelmäßig alle Betriebe besuchen. Gleichzeitig gibt es in jedem Land unabhängige Fachleute, die Kontrollen durchführen.

Die meisten Handwerkergruppen bestehen aus 10 bis 20 Mitarbeitern, aber es gibt auch größere Betriebe, wie zum Beispiel den Betrieb der Familie Dhakhwa in Nepal. In inzwischen sieben Werkstätten wird hier Papier aus Loktarinde hergestellt.

Bezahlter Urlaub

Der Betrieb, der vor allem für den Export arbeitet, hat das Ziel, traditionelle Handwerkstechnik zu bewahren und umweltgerecht und fair zu produzieren. Umweltgerecht bedeutet in diesem Fall, dass nur die nachwachsende Rinde des für das empfindliche Ökosystem Nepals wichtigen Loktastrauches verwendet wird. Außerdem wurde eine Wasserreinigungsanlage gebaut, die auch das Trinkwasser des Dorfes aufbereitet.

Was aber bedeutet „fair“? Der Durchschnittslohn für einen Arbeiter in Nepal beträgt 1900 Rupien monatlich für eine durchschnittliche Arbeitszeit von 6 bis 18 Uhr täglich. Für den Besuch der Grundschule sind monatlich etwa 500 Rupien Schulgeld zu zahlen, ein Kilo Reis kostet etwa 51 Rupien, ein Kilo Hähnchenfleisch 270 Rupien und ein Kilo Tomaten 30 Rupien. Hinzu kommen Kosten für Kleidung, Arztbesuche und andere Dinge des täglichen Lebens. Dhakhwa garantiert einem Arbeiter, der neu in der Firma beginnt, einen Mindestlohn von 2700 bis 3300 Rupien für ein Jahr bei einer täglichen Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr. Nach einem Jahr wird der Lohn auf 4200 bis 4500 Rupien erhöht. Bei Krankheit wird der Lohn fortgezahlt, es gibt 25 Tage bezahlten Urlaub im Jahr und zu den großen Festen wird eine Sonderzahlung geleistet. Außerdem gewährt die Firma finanzielle Hilfe bei Notfällen und zinslose Kredite für den Hausbau.

Die Firma hat vor einigen Jahren an ihrem Sitz Patan, etwa acht Kilometer südlich von Kathmandu, auch den Bau eines Ärztehauses mitfinanziert, in dem jetzt Ärzte für alle Bewohner Patans kostenfrei arbeiten. Inzwischen wurden auch der Bau einer Schule und eines Jugendzentrums mitfinanziert.

An diesem Beispiel wird die Umsetzung der ursprünglichen Idee von Fair-Trade, nämlich Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, deutlich.

Eine oft geäußerte Kritik an Fair-Trade ist, dass der gerechte Preis für eine Ware nicht objektiv feststellbar sei.

Preise sind einsehbar

Für den Verbraucher sei die Verteilung des Geldes in der Wertschöpfungskette nicht nachzuvollziehen. Auf diese Kritik reagiert Arne Höper mit dem Hinweis, dass alle Handelspartner sich vertraglich zu Transparenz verpflichtet haben. Das bedeutet, dass nicht nur Gehaltslisten offengelegt werden müssen, sondern Preiskalkulationen, Planungen und die wirtschaftlichen Ergebnisse. Da diese Verpflichtungen gegenseitig gelten, könnten sich alle Verbraucher zeigen lassen, wie sich die Verkaufspreise zusammensetzen und wie viel Geld an die Produzenten gezahlt wird. Auch die Produzenten erfahren, zu welchem Preis ihre Waren in Deutschland verkauft werden.

„Fair Trade bedeutet Achtsamkeit gegenüber den Menschen und der Umwelt – und es ist gut, dass immer mehr Käufer sich ihrer Verantwortung bewusst werden“, so Arne Höper.

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