Im Nordwesten - In der Diskussion um die Ökonomie der Zukunft fällt immer häufiger die Bezeichnung „Industrie 4.0“. Mit diesem Begriff wird die Vernetzung von Produktionsabläufen mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologie hin zu einer sich selbst organisierenden Fabrik der Zukunft beschrieben. Ist „Industrie 4.0“ der Schlüssel zur Ökonomie des 21. Jahrhunderts?
Worum geht es bei dem Projekt „Industrie 4.0“? ?
Ökonomen wie der deutsche Topmanager Henning Kagermann, einer der Vordenker der „Industrie 4.0“, sehen die Industrie heute an der Schwelle zu einer weiteren bahnbrechenden Umwälzung. Motor ist die Fusion von Produktion mit moderner Datenverarbeitung durch intelligente und digital vernetzte Systeme. Die Leistungssteigerung moderner Elektronik in Verbindung mit modernster Softwaretechnik soll dabei die Grundlage bilden für eine Verzahnung von mechatronisch gesteuerten Produktionseinheiten mit intelligenter Informationsverarbeitung. Dahinter steht die Vision einer effizienten Fabrik der Zukunft. Diese steuert ihre Produktionsabläufe nicht nur selbst, sondern ist in der Lage, auf der Basis von laufender Datenerhebung Probleme zu erkennen und Prozesse zu optimieren.
Welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsmarkt ?
Experten prognostizieren zwar einerseits den Verlust von Arbeitsplätzen im gering qualifizierten Bereich, da in Zukunft viele Tätigkeiten zunehmend durch Automatisierungen ersetzt werden können. Andererseits wird jedoch eine Zunahme von hochqualifizierten Jobs gerade im IT- und Software-Bereich erwartet. Eine vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung veröffentlichte Studie beziffert den Verlust an Arbeitsplätzen durch Industrie 4.0 auf insgesamt 490 000. Demgegenüber stehen rund 430 000 neue Jobs. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Enzo Weber, einer der Autoren der Studie, erwartet vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs an hochqualifiziertem und gut geschultem Personal eine verstärke Akademisierung der Gesellschaft.
Welche Rolle spielt der Staat für „Industrie 4.0“ ?
Die Bundesregierung unterstützt die Vision der „Industrie 4.0“. Die gezielte Förderung von Innovationsprojekten ist Teil der Hightech-Strategie, mit der die forschungspolitischen Schwerpunkte festgelegt werden. Im Rahmen der Innovationsstrategie wurden durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung bisher rund 470 Millionen Euro an Fördergeldern bereitgestellt, um Forschungsprojekte zur „Industrie 4.0“ zu unterstützen. Weitere 80 Millionen Euro wurden vom Bundeswirtschaftsministerium beigetragen.
Welche Herausforderungen ergeben sich ?
Die Umstellung der Produktion auf einen vernetzten Betrieb stellt enorme Herausforderungen an Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es sind umfangreiche Weiterbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für die Mitarbeiter notwendig, da die neuen Arbeitsmethoden gerade im Bereich IT- und Software-Technologie anspruchsvoll sind. Die Umstellung von gewohnten Arbeitsprozessen hin zur Steuerung und Überwachung weitgehend automatisierter Betriebsabläufe wird eine zentrale Herausforderung für die Fabrikarbeiter sein.
Ist die Vernetzung der Produktion auch sicher ?
Eine entscheidende Rolle spielt das Thema Datensicherheit. Eine Fabrik, deren Produktion auf computervernetzten Robotern ruht, wird unweigerlich zur Zielscheibe von Hackerangriffen. Kritiker warnen, dass somit der Schutz von sensiblen Daten und Informationen nicht mehr gewährleistet werden könne.
Außerdem mache die Gefahr von Cyberattacken, mit denen sich gegebenenfalls ganze Produktionsabläufe in digital vernetzten Betriebssystemen lahmlegen ließen, die Produktion anfälliger für Sabotageakte. Umstritten sind auch die Auswirkungen der „Industrie 4.0“ für kleine und mittelständische Betriebe. Es wird befürchtet, dass diese Unternehmen wirtschaftlich und technologisch den Anschluss verlieren.
