In Thüringen und Sachsen-Anhalt besetzen seit einigen Wochen AfD-Vertreter kommunale Spitzenämter (Landrat in Sonneberg, Bürgermeister in Raguhn-Seßnitz). Parallel dazu liegen die Umfragewerte für die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtete Partei zwischen 17 und 22 Prozent. Die Alternative für Deutschland wäre damit zweitstärkste politische Kraft im Bundestag – vor der SPD. Ist die SPD tatsächlich immer weniger eine Alternative? Wir haben Uwe Rozema befragt. Er ist Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60Plus.
Herr Rozema, ein Blick auf aktuelle Umfrageergebnisse besagt: Würde morgen der Bundestag gewählt, läge die AfD vor den Sozialdemokraten. Ist das für Emden alles noch weit weg?
Uwe RozemaNein, überhaupt nicht. Menschen, die für rechtsextremes Gedankengut einstehen, sind da. Und sie waren eigentlich immer da – in Deutschland insgesamt, aber auch in Emden und anderen Teilen Ostfrieslands. Wir haben dem in Deutschland allerdings lange distanzierter gegenübergestanden als andere Länder Europas.
Uwe Rozema ist 74 Jahre alt, gebürtiger Emder und seit 44 Jahren Mitglied der SPD.
Der Realschulleiter und Seminarleiter im Ruhestand ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Vorsitzender der AG 60Plus ist Rozema seit gut einem Jahrzehnt.
Als Zwölfjähriger startete Rozema seine sportliche Laufbahn als Handballer bei RSV Emden. Später war der Kreisläufer außerdem kurz als Jugendtrainer bei TuRa Marienhafe aktiv, danach bis in die 1990er Jahre als Jugendtrainer, Vorstandsmitglied und Spielertrainer der 2. Herren des HC Emden.
Ein kurzer Rückblick. Anhand der letzten Wahlergebnisse, auch in Emden, wird deutlich, dass die AfD längst keine politische Randerscheinung mehr ist. 5700 Emder Zweitstimmen bei der Landtagswahl (12,7 Prozent) 2022; in neun Wahlbezirken Ergebnisse von 20 Prozent und mehr. Mehr als ein Fingerzeig?
„Die, die AfD wählen, wissen sehr genau, was sie tun“: Uwe Rozema. Bild: Axel Milkert
RozemaJa, sicher. Der Trend war an den letzten Wahlen eindeutig abzulesen. Das ist umso erstaunlicher, da hinter den Resultaten kein Gesicht, keine Person und keine Veranstaltungen im Vorfeld standen. Wenn ich das beobachte, ist das für mich sehr, sehr beunruhigend. Wir sollten da nicht mehr gleichgültig sein.
Die Sozialdemokraten und die anderen etablierten demokratischen Parteien verhalten sich gegenüber dem wachsenden Extremismus von Rechts zu gleichgültig?
RozemaDie Tendenzen von rechts sind jahrelang toleriert worden. Es hätte damals eigentlich ein Aufschrei durch das Land gehen müssen ...
... Sie spielen auf die Bundestagswahl 2017 und eine Äußerung von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland an, als seine Partei mit 13,4 Prozent ins Parlament eingerückt war.
RozemaGenau. Als Gauland vor die Kameras trat und erklärte: „Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen“, da war ich entsetzt. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte die Erkenntnis in den Parteien reifen müssen, was da auf uns zukommt. Eine solche Sprache ist unmissverständlich und nur als Drohung zu verstehen.
Aber eine entsprechende Reaktion ist nicht erfolgt, sagen Sie?
RozemaIch habe einfach nicht verstanden, dass einige Leute an entscheidenden Stellen unserer Gesellschaft das so hingenommen haben. Stattdessen versteckt man sich hinter Begriffen wie Protestwahl und Protestwähler.
Was Ihrer Meinung nach eine falsche Analyse ist?
RozemaIch bin fest davon überzeugt, dass diejenigen, die AfD wählen, sehr genau wissen, was sie tun. Wenn ich sie als Protestwähler bezeichne, unterstelle ich ihnen ja, dass sie unmündig sind. Aber genau das ist ein schwerer Fehler.
Apropos Fehler: Wo hat Ihre Partei, die SPD, bei diesem Thema versagt?
RozemaSie hat denselben Fehler gemacht, wie andere auch: Das Problem ist nicht erkannt worden und die Entwicklung ist viel zu lange toleriert worden. Demokratie lebt ganz stark von Toleranz. Aber eben diese demokratische Toleranz-Verpflichtung bekommt jetzt ihre Grenzen aufgezeigt. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Toleranz zu einer akzeptierten Intoleranz zu werden droht.
Tausende AfD-Wähler in der SPD-Hochburg Emden. Das kann die Partei doch eigentlich nicht kalt lassen. Doch die Genossen vor Ort rühren sich kaum. Was ist zu tun?
RozemaPolitische Aufklärungsarbeit muss verstärkt werden. So haben wir es in der AG 60Plus mit über 80 Veranstaltungen in den letzten zwölf Jahren getan.
Aber damit haben Sie doch nur einen eingeschränkten Kreis erreicht, oder?
RozemaNa ja, das ist wohl richtig, aber die Referentinnen und Referenten haben uns an ihrem besonderen, speziellen Wissen teilhaben lassen. Einem Wissen, das sie uns kostenlos zur weiteren Verwendung vermittelt haben, damit wir und unsere zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer es zum Wohle der SPD Emden und der Menschen in unserer Stadt als Multiplikatoren verwerten konnten.
Und darüber hinaus?
Rozema... ist es mindestens ebenso wichtig, mit den Menschen vor Ort endlich wieder ins Gespräch zu kommen, auf der Straße und anderswo mit ihnen zu reden. Und das nicht nur in Wahlkampfzeiten. Wir müssen uns den Leuten wieder zeigen, ihre Ängste und Sorgen endlich ernst nehmen. Diese Distanz, die sich aufgebaut hat zwischen Parteien und Bürgern, hat ja mit dazu beigetragen, dass die AfD so stark werden konnte.
Die Kritik, Politik sei heute total abgehoben und bürgerfern, ist nicht neu und hat sich eher weiter verschärft.
RozemaStimmt. Die Wahrnehmung bei vielen ist: Die da oben haben die Bodenhaftung verloren, die wissen nichts mehr von uns. Das wieder geradezubiegen, wird ein hartes Stück Arbeit, hoffentlich keine Sisyphos-Arbeit.
Was würden Sie ihren Emder Genossen ins Stammbuch schreiben wollen?
RozemaGeht raus! Sucht den Kontakt! Wachsender Rechtsextremismus ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, das wäre gefährlich und naiv zugleich.
