Emden - Schreck in der Abendstunde: Das Handy ist weg! Vorhin, als ich an meinem Urlaubsort im Linienbus saß, war es noch in der Jackentasche. Jetzt chille ich im Straßencafé, will eine E-Mail schreiben – und greife ins Leere. Auch in den Hosentaschen steckt es nicht. Ich schaue unter den Tisch, unter den Stuhl und suche die nähere Umgebung ab. Fehlanzeige. Am Nebentisch sitzen drei Franzosen, sie bemerken, dass mich eine gewisse Hektik befallen hat. „Tu as perdu quelque chose?“ „Hast du was verloren?“ Kann man wohl sagen! Mein Smartphone ist verschwunden und mit ihm gewissermaßen meine digitale Existenz.
Hätte es sich um den uralten Nokia-Knochen gehandelt, wäre das jetzt kein Grund zur Panik. Mit dem Telefon aus der Mobilfunk-Steinzeit konnte man nur telefonieren und eine SMS verschicken. Doch irgendwann rollte sich das digitale Schneebällchen zur Lawine auf. Man könnte es auch so formulieren: Ein schwarzes Loch tat sich auf, das alles in sich hineinsog und verschluckte, was früher dezentral verwaltet wurde: Fotoalben, Terminkalender, Notizbücher mit Telefonnummern und Dokumente aller Art, E-Mails sowieso. Und – ja, ich hatte mich sogar hinreißen lassen, meinem iPhone zwei Kreditkarten einzuverleiben, mit denen ich beim Bäcker per Apple-Pay bargeldlos das Brötchen bezahle. Handy vorhalten, ping! Es ist ja sooo praktisch! Und cool! Das ganze Leben ist heutzutage irgendwie mit dem Smartphone verknüpft.
Was das heißt, wird einem erst klar, wenn es plötzlich aus der Jacke gefallen ist oder – wie ich in meinem Fall vermute – auf der Busfahrt geklaut wurde. Jedenfalls stehe ich nun ratlos in dieser Gaststätte auf Gran Canaria und überlege, was zu tun ist. Dabei geht mir durch den Kopf, dass in dem Gerät auch das Flugticket und die Bahnfahrkarte für meine Rückreise digital gebunkert sind. Ich spüre, wie der Blutdruck steigt. Doch jetzt heißt es, rational vorzugehen. Ich bitte die Franzosen, meine Handynummer anzurufen. Und siehe da: Es meldet sich jemand! Das kurze Gespräch wird radebrechend in einer Mischung aus Französisch und ein paar Brocken Spanisch geführt. Es endet abrupt, bevor ich selbst zum Telefon greifen kann. Der Franzose glaubt, dass der Unbekannte mein Handy gestohlen habe und gar nicht daran denke, es herauszurücken.
Doch manchmal enden auch solch dramatische Erlebnisse mit einem Happy End. Ich fahre mit dem Taxi zur Polizei. Ein hilfsbereiter Polizist wählt erneut meine Handynummer. Bingo! Der Mann, den wir für einen Dieb hielten, geht dran. Beide sprechen nun Spanisch miteinander, das vereinfacht die Sache. Er hat mein Smartphone tatsächlich im Bus gefunden, ist nach 30 Kilometern in seinem Heimatort ausgestiegen und erklärt sich bereit, es umgehend zum nächsten Polizeiposten zu bringen. Als ich mit dem Taxi bei der Guardia Civil vorfahre, treffe ich ihn noch an, ein netter älterer Herr. Ich falle ihm vor Dankbarkeit um den Hals, er freut sich, dass er helfen konnte. Meine digitale Existenz ist gerettet. Selbstverständlich bekam er einen ordentlichen Finderlohn. Nicht per Apple-Pay, sondern mit Papiergeld – wie in der vordigitalen Steinzeit.
