Emden - Eine Begegnung vor wenigen Tagen hat in mir eine Kette von Erinnerungen ausgelöst. Beim Verlassen eines Gebäudes im Steinweg wurde ich von einer betagten Dame angesprochen: „Sie sind doch Elske Richter“. Sie erkannte mich überraschenderweise und wusste meinen Mädchennamen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als sie erzählte, wie meine Mutter mit uns fünf Kindern von ihrer Familie aufgenommen wurde, als wir im Zweiten Weltkrieg ausgebombt waren. Was für eine Erinnerung mit vielen Einzelheiten, die mir einen Teil meiner eigenen verborgenen Geschichte erklärte!
Elske Visser, geborene Richter, ist 1940 in Emden geboren.
Sie absolvierte eine Kaufmannsgehilfinnen-Ausbildung sowie viele Weiterbildungen.
Visser war im Geschäft des Vaters tätig.
Schutz bei „Roode Fufu“ gesucht
Mein Großvater, der Goldschmiedemeister Franz Richter, hatte in Emden ein Geschäft eingerichtet, das seit Generationen Bestand hat und mit Sitz in der Fußgängerzone Zwischen beiden Sielen vielen Emdern bekannt ist. Bei einem Bombenangriff im Juli 1940 wurde unser Geschäftshaus schwer getroffen. Es war das Haus, in dem ich im März 1940 geboren wurde – das Wohnhaus meiner Familie. In den Trümmern blieb nur noch der Tresor unbeschädigt. Meine Mutter, Sophia Richter, geborene Heubült, hatte alleine die Verantwortung für uns fünf Kinder, weil mein Vater, Hans Richter, bei der Flak in Bremen war. Der Bunkerbau begann in Emden erst 1940, so dass es noch keine erreichbaren fertigen Bunker gab, als unser Haus getroffen wurde. Mutti eilte mit mir im „Püütje-Pack“, als Bündel im Arm, und meinen Geschwistern Richtung „Roode Fufu’s“ Verkaufspavillon im Stadtgarten. Im Keller von Herrn Wübben, genannt „Roode Fufu“ suchten wir vorerst Schutz. Meine Geschwister damals waren Inge, Jahrgang 1932, Helga, 1933, Franz, 1935 und Udo, geboren 1938. Unser jüngster Bruder, Hans-Jürgen, kam erst 1945 zur Welt.
Begegnung nach Jahrzehnten: Elske Visser (links) besucht die 98-jährige Ilse Hagen und überreicht ihr fünf Rosen zum Dank. Bild: Iris Hellmich
Fünfjähriger riss sich in den Wirren los
Während Mutti mit uns aus dem brennenden Haus stürmte, riss sich der fünfjährige Franz in den Wirren los und irrte verzweifelt unter Schock in der Stadt herum. Er konnte seinen Namen nennen, so dass ihn Soldaten schließlich zu meinen Großeltern mütterlicherseits, Hans und Sophie Heubült, brachten. Sie wohnten an der Bonnesse nahe der Faldernbrücke, wo später das Möbelhaus Kaune seinen Sitz hatte. Oma und Opa Heubült unterhielten in ihrem Geschäftshaus einen Eisenwarenhandel und Benzinverkauf. Die Heubülts waren eine christliche Familie. Mein Großvater war im Kirchenvorstand der Neuen Kirche. Neben Familie Heubült befand sich das Elternhaus meines Onkels Burkhart Krebs – das Stammhaus der Buchhändlerfamilie Krebs.
Das schreckliche Erlebnis hat bei dem kleinen Franz einen schweren Diabetes ausgelöst. Insulin war in Kriegszeiten oft nicht zu bekommen, was zu Spätfolgen führte. Franz starb im Alter von 25 Jahren.
Bombentreffer zerstörte Haus
Nach dem Bombentreffer, der unser Haus zerstörte, wurde unsere Mutter mit uns Kindern obdachlos. Sie war eine kräftige und resolute Frau, die sich nie unterkriegen ließ und immer für ihre Kinder im Einsatz war. In Berlin hatte sie eine Diakonissenausbildung absolviert. Sie war Krankenschwester und erledigte die Buchhaltung in unserem Geschäft. Doch vor den Trümmern ihrer Existenz war sie auf fremde Hilfe angewiesen. In dieser trostlosen Situation kam eine Frau Knie auf Mutti zu. Sie gehörte zu der Familie Knie, die Zwischen beiden Märkten ein Elektro- und Lampengeschäft führte. Mein Onkel, Burkhart Krebs, hatte dort angrenzend ein Buchgeschäft in dem Eckhaus neben dem Porzellanhaus Gräpel.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter 04921/8900-0 oder per E-Mail an IrisHellmich@gmx.de zu erreichen.
Fünf Rosen aus dem Garten zum Dank
Als ich zufällig die 98-jährige Frau Ilse Hagen, die damals mit Nachnamen Knie hieß, in diesen Tagen traf, erzählte sie, dass ihre Familie meiner Mutter und uns Kindern in ihrem Haus Schutz geboten hatte, als wir nur mit dem Hemd am Leib dastanden. Auch erinnerte sie sich, dass sie einem meiner Geschwister einen Trainingsanzug gaben. Während Frau Hagen erzählte, erkannte ich sie an der Physiognomie aus dem Emder Stadtbild wieder. Da die Begegnung nur kurz auf der Straße stattfand, beschloss ich, Ilse Hagen zu besuchen. Wir hatten ein langes, emotionales Gespräch. Ich brachte ihr fünf Rosen aus meinem Garten – drei rosa und zwei rote Rosen. Die rosafarbenen für uns drei Mädchen und die roten für meine Brüder, weil sie uns allen damals in schweren Zeiten half. Die Bombe auf unser Haus war eine der ersten, die in Emden fielen. „Bei Richter hat’s eingeschlagen“ hieß es damals. 1950 baute mein Vater das Geschäftshaus wieder auf.
