Emden - In der Silvesternacht 1956/1957 kam es zu einem schrecklichen Unglück an Bord des dänischen Frachters „Visten“. Mit einer Ladung Koks befanden wir uns auf dem Weg von Rotterdam nach Kopenhagen. Wir hatten Silvester gefeiert und die meisten waren ziemlich betrunken. Da ich für die 12/4-Wache eingeteilt war, also von Mitternacht bis vier Uhr morgens am Ruder stehen musste, hatte ich mich beim Feiern zurückgehalten. Unter der überwiegend skandinavischen Besatzung waren mein Jugendfreund Karl-Heinz Behrends als Heizer und ich als Matrose die einzigen Deutschen. Während meiner Wache kam ein Jungmann zu mir und meldete: „Wi hebbt Füür an Boord!“
Helmut Appel ist 1936 in Emden geboren und in der Schillerstraße aufgewachsen.
Mit 14 Jahren wurde er Schiffsjunge.
Er fuhr auf mehreren Schiffen, später als Kapitän mit Kleinem Patent auf Kleiner Fahrt auf einem Schlepper.
Kapitän als erstes im Rettungsboot
Der schwedische Kapitän war nicht aufzufinden. Aufgeregt riss ich alle Mann aus den Kojen. Wir versammelten uns an Deck bei den Rettungsbooten, schlichte Boote mit Paddeln und teils vergammelt. Plötzlich sah ich den Kapitän und die Nautiker im ersten zu Wasser gelassenen Rettungsboot sitzen, das kurz darauf nicht mehr zu sehen war. Ein dänischer Steward war dabei, sich aus einem Bullauge zu quetschen. Ich versuchte ihn herauszuziehen. Man kann sich nicht vorstellen, wie er geschrien hat.
Die Kessel liefen auf Volldampf. Das Flötenbensel, das Signalband, stand auf Spannung und gab in dem eisigen Schneesturm mit hohen Wellen kontinuierlich einen durchdringenden Ton ab: Huuuuuu! Ich sprang in das letzte Rettungsboot. Nach ungemütlichen Stunden sichteten wir vormittags am 1. Januar 1957 das Schiff „Viggen“ unserer Reederei Almark aus Karlstad in Schweden. Die „Viggen“, die sich im sicheren Abstand zu der brennenden „Visten“ befand, hatte bereits die Besatzung des ersten Rettungsbootes samt Kapitän an Bord und wollte auch uns übernehmen. Nach kurzer Verschnaufpause drängten wir aber zurück zu unserem Schiff, um den Steward zu retten. Dort fanden wir nur den Leichnam und deckten ihn mit einer Plane zu. Der Mann war bei lebendigem Leib verbrannt.
Es gab Explosionen von Öl
Über den Luken brannte es, und gelegentlich gab es Explosionen von Öl. Kurz darauf kam der Schlepper „Holland“. Die Männer gaben uns zu essen und zu trinken. Auch durften wir telefonieren. In einem kurzen Gespräch sagte ich meiner Mutter, dass wir auf See diese Probleme haben. Sie weinte und schrie, aber war glücklich, dass ich am Leben war. Ein zweiter Schlepper namens „Stortemelk“ nahte. Beide Schlepper wollten uns ziehen, so dass wir an Bord der „Visten“ Wurfleinen befestigten. Die Brandherde bekämpfte ein Schlepper mit Wasser, das der andere Schlepper dann wieder rauslenzen musste, damit unser Schiff nicht sank. Schließlich fuhren wir durch die Schleuse Harlingen am Festland vor Terschelling, wo uns im Hafen unglaublich viele Niederländer mit Decken und Essen in Empfang nahmen. Wir kamen in das Hotel „De Eilanden“, das es heute nicht mehr gibt, und wo ich am Tisch vor Entkräftung und Folgen einer Rauchvergiftung zusammensackte. Meine Mutter kam im Taxi von Emden. Völlig aufgelöst sahen wir uns wieder. Schließlich fuhren wir im Wagen nach Emden. In der Gaststätte „Atlantik“ trank ich ein Bier und begab mich anschließend mit schrecklichen Hustenanfällen ins Krankenhaus, wo mir auch gleich der Blinddarm entfernt wurde.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter 04921/8900401 oder per E-Mail an IrisHellmich@gmx.de zu erreichen.
Von der Reederei gab es kein Dankeschön
Von der Reederei bekam ich für meinen Einsatz zwar kein Dankeschön, aber wie andere Besatzungsmitglieder 7000 Mark Entschädigung. Mein Freund Karl-Heinz und ich sollten im Schlepp auf der „Visten“ das havarierte Schiff zur Nobiskrug-Werft in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal zur Reparatur bringen. Dort gingen wir von Bord und fuhren mit dem Zug zurück nach Emden. Später bekam ich Dankschreiben für meinen Einsatz und las in holländischen Zeitungen und in der Rhein-Ems-Zeitung von dem Rettungsmanöver.
