Emden - Es klang so ein bisschen wie aus einem historischen Kriminalroman: vier mit biblischen Heldenfiguren bemalte Glasfenster aus dem 16. Jahrhundert landeten in einem Magazinraum der Rüstkammer des Ostfriesischen Landesmuseums – und wurden dort schlichtweg vergessen. Erst mit dem Umbau des Hauses im Jahr 2003, mit dem sämtliche Ausstellungsstücke ausgelagert werden mussten, wurden sie wiederentdeckt. Nachdem sich mit der „Fielmann Group AG“ schließlich ein Sponsor für die Überarbeitung fand, konnten die Scheiben nun in der Werkstatt von Dr. Stefan Oidtmann im nordrhein-westfälischen Linnich, mit einer 150-jährigen Geschichte die älteste Glasmalerei Deutschlands, restauriert werden und sie entpuppten sich dabei als bedeutungsvoller historischer Schatz. Aber wie bearbeitet man heutzutage überhaupt Glasfenster, die vermutlich um das Jahr 1570 entstanden?
Dr. Annette Kanzenbach wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Ostfriesischen Landesmuseum und Dr. Constanze Köster von der Museumsförderung der „Fielmann Group AG“ aus Hamburg begutachten eines der restaurierten Fensterbilder.
Holger Bloem
Tradition und Fortschritt sind seit über 150 Jahren für das Unternehmen als älteste Glasmalerei Deutschlands Aufgabe und Verpflichtung: so wurde die aufwändige Restaurierung der Bilder von der Glasmalerei Dr. H. Oidtmann GmbH sorgfältig dokumentiert.
Holger BloemLücken wurden geschlossen
„Diese Fenster waren aus der Mode gekommen und alles das, was aus der Mode kommt und zerbrechlich ist, hat wenig Überlebenschancen“, weiß Dr. Annette Kanzenbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landesmuseums, aus ihrer langjährigen Erfahrung. Umso erstaunlicher also, dass sie die vielen wirren Zeiten, aber vor allem den Zweiten Weltkrieg, in dem Emden fast vollständig zerstört wurde, überdauert haben. Doch diese Zeiten haben eben auch Spuren hinterlassen. So befanden sich in den Scheiben eine Vielzahl von gebrochenen Gläsern und Fehlstellen. Aber wie wurden diese Lücken nun geschlossen?
„Das ist wie ein Puzzle verschiedener Epochen“, weiß Dr. Stefan Oidtmann. Dafür hält die Glasmalerei ein riesiges Lager mit bis zu 8000 unterschiedlicher Sorten und Alters vor. „Man muss ein Glas finden, das möglichst wenig Struktur hat“, so der promovierte Architekt. In der heutigen Zeit allerdings fast unmöglich, weil sich die Produktion im Vergleich zu damals verändert hat. „Heute haben die mundgeblasenen Gläser mehr Schlieren und Bläschen“, weiß der Fachmann, der selbst ausgebildeter Glasmaler ist. Allein den richtigen Farbton zu treffen, sei deshalb fast unmöglich. So fallen die ersetzten Stücke in den Scheiben vor allem dadurch auf, dass sie dunkler sind. „Das ist das beste Glas, das ich finden konnte“, versichert er. „Darum schreiben wir in unsere Angebote auch immer: ,In estmöglicher Anpassung an den Originalzustand’.“
Die gebrochenen Gläser konnten unproblematisch in der gleichen Ebene mit einem Zweikomponenten-Epoxidharzkleber zusammengeklebt werden. Danach mussten die fehlenden Glasstücke aus sogenanntem „Echt-Antik-Glas“ passend zugeschnitten, geschliffen und mit den Originalgläsern geklebt werden. Vorab wurden von den Fehlstellen genaue Schablonen angefertigt.
Fehlende Malerei ergänzt
Knifflig war aber auch, die fehlende Malerei wieder zu ergänzen – die Alternative wäre gewesen, die Scheiben wären blank geblieben. Da keine passenden Vorlagen aus der Historie gefunden werden konnten, wurden die Fehlstellen letztlich von einem erfahrenen Glasmaler in entsprechenden Stil ergänzt. Anschließend mussten die Scheiben dreimal in speziellen Öfen gebrannt werden.
Zuvor mussten die Fachleute aber unter dem Mikroskop prüfen, ob die Malschichten nach 450 Jahren überhaupt noch stabil sind. So waren beispielsweise die blauen Gläser in den drei Unterfeldern eines Fensters bei einer früheren Restaurierung, vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts, retuschiert worden. Im Laufe der Jahre war die Farbe unterschiedlich abgewittert und nur noch sehr „fleckig“ oder „wolkig“ vorhanden, was die Ästhetik der Darstellung störte. Die Farbe saß jedoch so fest auf der Glasoberfläche auf, dass die erfahrenen Restauratoren von einer Abnahme des Überzugs abgesehen haben, um keine Schäden am Glas zu verursachen.
Und so ist nicht nur der Fund der Scheiben eine spannende Geschichte, sondern auch deren knifflige Restaurierung.
