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Das bleibende Trauma einer Emder Familie Gejagt als „Staatsfeind“ und „Anwalt der Juden“

Helga Koschnick-Schwoon
Hier war Hermann Neemann interniert: das damalige Konzentrationslager Neuengamme.
Emder erzählen

Hier war Hermann Neemann interniert: das damalige Konzentrationslager Neuengamme.

Iris Hellmich

Emden - Zu der KZ-Gedenkstätte Engerhafe, wo ich die alljährliche Gedenkfeier besuche, habe ich eine besondere persönliche Beziehung. Menschen aus vielen europäischen Ländern kamen hier ums Leben. Es waren Zwangsarbeiter, Juden, politische Gefangene und andere dem nationalsozialistischen System nicht genehme Personen. In dem damaligen KZ-Außenlager Enger­hafe wurden Häftlinge verschiedener Nationen aus mehreren Konzentrationslagern untergebracht und zu unwürdiger Arbeit gezwungen. Sie kamen aus den Konzentrationslagern Dachau, Bergen Belsen, Sachsenhausen und vielen anderen Orten nach Ostfriesland, unter anderem auch aus Neuengamme. Das KZ Neuengamme ist für unsere Familie ein dunkler Begriff, denn mein Großvater mütterlicherseits, Hermann Neemann, war als sogenannter Staatsfeind Insasse dort.

Zur Person

Helga Koschnick-Schwoon ist 1939 in Emden geboren.

Sie war Versicherungsangestellte, später machte sie eine Ausbildung für Buchhandel.

Im Familienbetrieb, der Buchhandlung Schwoon in der Neutorstraße, war sie bis 2001 tätig.

Von den Nationalsozialisten gehasst, von Juden geachtet: Hermann Neemann. Bild: privat

Von den Nationalsozialisten gehasst, von Juden geachtet: Hermann Neemann. Bild: privat

Der „Rote“

Bei dem Ostfriesischen Kirchentag im Juli 2012 in Aurich war ich am Stand meiner Gemeinde der Mennoniten und sah mich auch anderweitig um. Am Stand der KZ-Gedenkstätte Engerhafe wollte ich mich informieren und sprach einen jungen Mann an. Er sagte zu mir: „Gleich kommt unser Professor. Er kann gut erklären.“ Kurz darauf kam Prof. Dr. Georg Koschnick, der vor seiner Pensionierung in der Fakultät Maschinenbau an der Fachhochschule in Emden gearbeitet hatte, und wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Großvater, der 1884 geboren wurde, Leiter der AOK in Emden war und aus dem Dienst entlassen wurde. Seine Dienstwohnung oben gegenüber dem Apollo-Theater musste geräumt werden. Mein Großvater kam an Hitlers Geburtstag, am 20. April 1933, in Untersuchungshaft und wurde einen Tag vor Heiligabend wieder freigelassen. Den Nationalsozialisten galt er als „Anwalt der Juden“. Ausreisewilligen Juden half er bei Hausverkäufen, bei der Veräußerung des Hausrats und zur Beschaffung wichtiger Dokumente, was für ihn zu Vorladungen bei der Gestapo führte. Unliebsam war mein Großvater zudem, weil er 1906 Mitglied in der SPD geworden war. Man nannte ihn abfällig den „Roten“.

1935 freigesprochen

Kaum zu Hause vereint mit Frau und Kindern, die auch unter dem Druck der Nationalsozialisten und in Sorge um ihn leiden mussten, traf am Heiligabend 1933 bei meinem Großvater eine Anklageschrift ein, doch er wurde nach langem Gerichtsstreit 1935 vor dem Landgericht Aurich freigesprochen.

SA stürmte das Haus

Zur Zeit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wohnten meine Großeltern mit ihrer Familie oben im Haus des jüdischen Viehhändlers Valk Gossels in der Blumenbrückstraße. Im Morgengrauen stürmten SA-Männer das Haus und nahmen Herrn Gossels mit, während sich seine Tochter, Frieda Gossels, in die Räumlichkeiten der Familie Neemann nach oben flüchtete und dort in der Mansarde versteckt wurde. Frieda überlebte den Krieg und zog mit ihrer Mutter nach England. Ihren Vater hat sie nie wiedergesehen. Zum Dank für seine Hilfe bekam mein Großvater von der jüdischen Familie einen schönen, gedrechselten Klavierhocker sowie eine Korallenkette von Frau Gossels. Beide Stücke habe ich heute in meinem Besitz.

Großvater kam ins KZ

Nachdem am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler fehlgeschlagen war, kam mein Großvater am Folgetag wegen „konspirativer Verbindungen“ in das Konzentrationslager Neuengamme. Meine Mutter, Elfriede Limbach, geborene Neemann, suchte nach der Verhaftung ihres Vaters die Gestapo auf und schimpfte erbarmungslos, woraufhin am 6. September 1944 die Freilassung erfolgte. Hermann Neemann wurde schließlich nach dem Krieg rehabilitiert und bekam seine Stelle bei der AOK wieder. Das Trauma jedoch blieb in der Familie. Als Kind ging ich in den 1950er Jahren oft zum Bahnhof, wo Kriegsheimkehrer ankamen. Ich wartete auf meinen Vater, der niemals zusammen mit anderen halb toten Gestalten in Emden ankam, denn er war im Krieg gestorben.

Erzähler gesucht

Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter Tel. 04921/8900-0 oder per E-Mail zu erreichen:

Dies alles erzählte ich 2012 beim Ostfriesischen Kirchentag Herrn Koschnick, woraufhin er mir anbot, mit mir zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu fahren. Eines Tages rief er mich an und lud mich ein. Als wir dort ankamen und vor dem weitläufigen Gelände mit den vielen Gebäuden und dem Wachturm standen, brach es aus mir heraus und ich weinte bitterlich. Da begann eine Liebesgeschichte, weil ich mich so sehr aufgefangen fühlte. Im Jahr darauf heirateten wir.

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