Emden - Ein ungebetener Untermieter hat der alten Emder Vrouw-Johanna-Mühle arg zugesetzt. Fast hätte der kleine bunte Vogel dem stolzen Bauwerk auf dem Marienwehrster Zwinger sogar noch den alljährlichen Deutschen Mühlentag vermiest. Soweit ist es dann zwar nicht gekommen, dennoch war die Arbeit des weiterhin nicht namentlich bekannten Spechts am Pfingstmontag ein Gesprächsthema unter den Mühlen-Freunden. Der Vogel mit seiner ausgeprägten Vorliebe fürs harte Holz hatte sich nämlich vor einigen Wochen für sein neues Heim ausgerechnet einen der acht dicken Balken ausgesucht, die die Mühlengalerie stützen. Da war plötzlich Gefahr in Verzug.
Mit dem Kopf voran
„So etwas habe ich auch noch nicht erlebt“, sagte Mühlenwart Manfred Deke am Montag gegenüber dieser Redaktion. Mit Dohlen, die das Stroh von der Mühlenkappe stehlen, um ihr Nest damit zu bauen, mit Raben, die Löcher in das einen halben Meter dicke Geflecht bohren, um das Material anderweitig zu nutzen, mit Tauben, die unter dem Mühlendach wohnen und nicht zu den saubersten Zeitgenossen gehören, da kennt sich Deke aus. Aber mit einem Specht?
Der langjährige beste Freund der Johanna-Mühle war von Passanten darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich „ein Vogel“ an einem der Balken in gut zehn Meter Höhe zu schaffen macht. Bei näherer Betrachtung zeigte sich dann, dass der Specht mit dem Kopf voran bereits in das Holz einsteigen konnte. „Wir haben gedacht, der kommt aus dem engen Loch nur rückwärts wieder raus“, erinnert sich der 2. Vorsitzende des Emder Mühlenvereins, Remmer Edzards. Doch der Vogel kam mit seinem Dickkopf voraus wieder aus dem Loch. Somit war klar: Er hat in dem Holz bereits genug Platz, um sich zu drehen.
Bewundern oder verfluchen
Dieser Verdacht bestätigte sich dann, nachdem sich die ehrenamtlich Helfer des Mühlenvereins mit Hilfe eines Steigers den Schaden aus der Nähe ansehen konnten. Der Sprecht hatte nicht nur ein Loch gehämmert, sondern gleich auch eine geräumige Einzimmerwohnung geschaffen. Folge: Der gesamte Träger der Mühlengalerie musste ausgetauscht worden – mit allem drum und dran, vor allem für viel Geld. „Sozialer Wohnungsbau war das nicht“, so Deke, der sich immer noch nicht sicher ist, ob er den Specht für seine Arbeit am Holz bestaunen oder für den Schaden, der nun ja wieder behoben ist, verfluchen soll.
Viel zu erzählen
Nicht alle Geschichten, die die Mühlen-Freunde auf dem Wall oder in Larrelt am Deutschen Mühlentag erzählen konnten, sind so kurios. Oft ist es vor allem die alte Mühlen-Technik, die nicht nur alle begeistert, sondern auch fordert. In Larrelt hat man gerade die durch einen Sturm zerstörte Windrose an der Mühlenkappe ersetzt, bei der Vrouw-Johanna-Mühle müssen in den nächsten Wochen Teile der großen Flügel ausgetauscht werden. „Normaler Verschleiß“, sagte Deke. Irgendwann ist das Holz trotz immerwährender Pflege durch. Deshalb drehten sich die Flügel auf dem Wall am Montag auch nicht, während die Mühle in Larrelt wieder Vollgas geben konnte. Aber zu erzählen hatten die Mühlen-Freunde genug, was einigen der zahlreichen Besucher am Mühlentag durchaus gelegen kam.
