Emden - Er tourt seit Jahren kreuz und quer über die Märkte in der Region. Doch seine Stammkunden wissen meist, wo sie ihn finden können: den Emder Werner Tönjes und seine süßen Schätzchen. Denn als einer der letzten Bewahrer der Emder Bonbonkocher-Tradition ist er bei Fans von Kunsthandwerker-, Advents- und Weihnachtsmärkten bekannt wie ein bunter Lutscher. Wie jetzt wieder beim Adventszauber im Ökowerk oder beim Nikolausmarkt im Museumsdorf Cloppenburg. Dabei war der 70-Jährige früher von Hauptberuf Lehrer, erst in Larrelt, dann an der Emsschule, später der Grundschule Nesserland und zuletzt als Rektor in Weene (Ihlow).
Bonbons statt Garten
Das mit dem Bonbon-Machen kam allerdings schon früh hinzu – zur Entspannung. „Das war für mich Erholung vom Beruf, ich habe den Kopf frei bekommen und konnte am Montag locker wieder in die Schulwoche starten“, erzählt Tönjes, während er einer Kundin die verlangte Sorte über den Tresen reicht. „Die Tüte immer fest verschließen“, rät er noch. Dann erzählt er, wie es dazu gekommen ist, dass er seit 1994 in seiner Freizeit anstatt zu gärtnern, sechs Kilo Zuckermasse nach alter Rezeptur im Kupferkessel anrührt und durch historische Walzen dreht.
Von Maiblättern bis Emder Kissen: In Werner Tönjes’ Auslage finden sich viele Klassiker. Bild: Gaby Wolf
Den Stein ins Rollen brachte Tönjes’ historisches Interesse. Während seines Lehramtsstudiums in Oldenburg (Erstfach: Geschichte) stieß er auf eine Doktorarbeit über Schausteller-Malerei – und Tönjes, der schon als Kind ein Rummel-Fan war, entflammte neu für alles, was mit Jahrmärkten zu tun hatte. Das mündete nicht nur in einer eigenen Fachbibliothek. Zeitweilig war er auch Besitzer einer Kirmesorgel und eines Kinderkarussells, sprang als Hobby-Schausteller dort ein, wo auf Märkten in Emden und Umgebung noch Lücken waren. Zudem betreute er als Bereichslehrer Schausteller- und Zirkuskinder.
Kirmesorgel am Anfang
„Mit der Orgel fing damals auch das Bonbonmachen an“, erinnert sich Tönjes. Als er das frisch im Schwarzwald-Urlaub erworbene Stück in Emden vor dem Spielwarengeschäft Theater präsentierte, sprach ihn der ehemalige Besitzer der Zuckerwarenfabrik Emil Müller an.
„Oje“, habe der zu ihm gesagt, „bei den Folgekosten brauchst du aber eine zusätzliche Einnahmequelle.“ Und flugs befand sich Tönjes in der Hobby-Lehre bei Johann Meiners, der mit dem Nachfolge-Betrieb nach Riepe gezogen war. Als sich Meiners irgendwann umorientierte (er betreibt heute einen Berliner-Shop in Veenhusen), übernahm Tönjes nicht nur Kessel, Walzenbock, Motivwalzen, Kühltisch, Kegelroller und Co., sondern auch die Originalrezepte des um 1911 gegründeten Müller’schen Familienbetriebs.
Hilft mit, wo sie kann: Helga Tönjes unterstützt die Jahrmarkt-Aktivitäten ihres Mannes. Bild: Gaby Wolf
Und so finden sich in Tönjes' Auslage viele Klassiker wie Emder Kissen, Maiblätter oder Himbeerbonbons. Doch egal, ob Eukalyptus, Fenchel-Honig oder die milde Kräutervariante Cachou: Zu jeder Sorte hat er einen Spezialtipp oder eine Anekdote auf Lager. Zum Beispiel, dass sein Kreuzmalz gern von Chorsängern genommen wird. Oder, dass Hobbyköche auch mal zum Nordischen Pfeffer-Bonbon greifen, um die Soße für den Wild- oder Rinderbraten abzurunden.
Tochter will übernehmen
Beim Verkaufen hilft Ehefrau Helga, die Tönjes trotz eigener Berufstätigkeit von Anfang an unterstützt hat. Dessen Touren führten schon bis zum Rum- und Zuckermarkt nach Flensburg. So viel Begeisterung musste ja abfärben: Wenn der Papa mal nicht mehr möchte, will die älteste der drei Töchter die Bonbonkocherei übernehmen. Eine Weile möchte er aber noch aktiv bleiben. Dafür allerdings muss sich Tönjes ein neues Domizil suchen. Weil die Besitzerin Eigenbedarf angemeldet hat, musste er mit seiner kleinen Manufaktur aus den Räumen einer ehemaligen Petkumer Fleischerei ausziehen.
„Aber es muss und soll weitergehen“, bekräftigt Tönjes und freut sich, zusammen mit Tochter Frauke nicht nur ein altes Handwerk, sondern auch das Erbe der alten Emder Bonbonkochereien (drei gab es mal) erhalten zu können. Daher hat er vor dem Auszug noch ordentlich Bonbons auf Lager produziert. Wer noch welche vor Weihnachten haben will: Am 23. Dezember ist Tönjes in Leer auf dem „Wiehnachtsmarkt achter d’ Waag“ zu finden. Aber Stammkunden wissen das.
