Emden - Nach unserer Rückreise von Arcachon in Südwest-Frankreich, wo wir auf dem Schlepper „Gerrit Wessels“ im Einsatz waren, um Rohrleitungen zum Ableiten von Abwässern abzuliefern, kamen wir kurz vor Weihnachten 1970 wieder in Emden an. Doch am 2. Januar 1971 sollten wir bereits wieder an Bord sein – ausgestattet mit frischem Proviant –, um zwei Tage später zur Bohrinsel „Sedeneth II“ 160 Meilen nördlich von Borkum auszulaufen. Die Bohrinsel musste verholt werden. Erst Ende Februar 1971 kamen wir wieder zurück nach Emden. Als Koch an Bord musste ich meinen Küchen- und Proviantlagerbereich erst einmal gründlich reinigen.
Ernst Richter ist 1939 im Erzgebirge geboren.
Er fuhr für verschiedene Reedereien, unter anderem als Schiffskoch, auf großer Fahrt und im Fährverkehr der AG Ems.
Ernst Richter ist Mitgründer des Emder Museums „Freunde der Seefahrt“.
Am 15. März 1971 ging diese ruhige Zeit zu Ende. Wir fuhren nach Lübeck, um wieder ein schwimmendes Rohrmantelpaket für Arcachon zu übernehmen. Die Wetterlage war bei spiegelglatter See optimal, auch wenn es mal etwas windiger wurde und sich die Rohrleitungen auf dem Ponton im Schlepp schlängelten. Bei Windstärke fünf hätten wir nicht mehr schleppen dürfen. Mit guter Beleuchtung des Schleppzuges, der in der Nordsee immerhin gut 1000 Meter maß, hatte die Schiffsführung immer alles im Blickfeld des Radars. Auch ich als Koch war wie die anderen immer informiert über die Lage unseres Transportes.
Missgeschick vor Ziel
Kurz vor dem Ziel passierte beim Überfahren der Barre, der Schlammbank vor der Einfahrt in die Hafenbucht zum Seebad Arcachon, ein Missgeschick: Ein Rohr brach uns mittendurch, allerdings ohne große Folgen. Alle waren froh. Der Ponton wurde auf Position geschleppt und verankert. Nach Tagen des Wartens wegen zu hoher Dünung nahmen die Tiefseetaucher mit ihren Kameras die Arbeit wieder auf. Alles lief in normalen Bahnen. Für unseren Schlepper standen wichtige Aufgaben an, denn beim Einspülen der Rohrleitung musste gleichzeitig der Ponton ständig verholt werden. Dabei musste höllisch aufgepasst werden, um die Rohrlegemaschine nicht zu beschädigen. Alle Bewegungen wurden vom Kapitän des Schleppers mit dem Führer des Pontons über Funk abgestimmt. Die Technik konnte von allen am Bildschirm beobachtet werden.
Die 400-Meter-langen Rohrleitungen wurden nach und nach langsam durch eine Schweißmaschine gezogen, die längsseits des Pontons stationiert war, dann auf den Meeresboden gelassen und hier sorgsam verlegt. Bei gutem Wetter gingen die Arbeiten in Tag- und Nachtschichten voran – bis etwa 1600 Meter Leitung verlegt waren. Doch plötzlich hatten die Düsen der Verlegemaschine, die mit Pressluft eine Rinne auf dem Grund freiräumte, eine Störung. Es war keine Spülung mehr möglich. Taucher mussten in mehreren Tauchgängen die Schäden beheben. Nach einigen Tagen konnte es weitergehen. Für die Besatzung der „Gerrit Wessels“ war es immer wieder eine neue Herausforderung, ganzen Einsatz zu leisten. Egal, wer an Bord zuständig war – jeder gab sein Bestes.
An einigen Wochenenden hatten wir Gelegenheit, in den Hafen einzulaufen und festzumachen, um uns die Stadt anzusehen. Hier herrschte reger Badebetrieb mit vielen Urlaubern, die Stadt und Hafen bevölkerten.
Mühsame Spülerei
So verging Woche um Woche. Die Spülerei mit anschließender Verlegung der Rohre war mühsam für alle Beteiligten. Immer wieder kam es zu Stopps und tagelangem Warten, wenn die Düsen gereinigt werden mussten. Auch tat sich ein neues Hindernis auf: Ein Streifen von 1000 Metern aus hartem Muschel-Strand im Meeresboden war eine neue Herausforderung für die Techniker.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter Tel. 04921/8900-0 oder per E-Mail zu erreichen:
Für unsere Besatzung war jetzt der Zeitpunkt gekommen, nach zweieinhalb Monaten an Bord abgelöst zu werden. Umschichtig schickte die Reederei für jeweils vier Wochen Mitglieder einer Hafenschlepperbesatzung. Ich war beim ersten Schub dabei und reiste mit mehreren Kollegen der „Gerrit Wessels“ mit dem Flugzeug von Bordeaux über Frankfurt nach Bremen und von dort mit dem Zug nach Emden. Hier angekommen verlebte ich einen schönen, erholsamen vierwöchigen Urlaub unter Freunden, die auch Seeleute waren.
