Emden - Immer, wenn unser damaliger Chefredakteur Herbert Kolbe in seinem Arbeitszimmer auf und ab ging, dann wussten wir in der Redaktion, dass sich etwas zusammenbraut: eine Idee, eine umfangreiche Recherche, etwas enorm Spannendes. So war es auch Ende 1994 in der Vorweihnachtszeit. In unserem umfangreichen Archiv historischer Fotos fanden wir ein Bild, das wir nicht zuordnen konnten – und beschlossen, es in die Zeitung zu setzen, verbunden mit der Frage: „Wer weiß, wo das ist?“ An jenem Erscheinungswochenende klingelte bei mir pausenlos das Telefon. Hunderte Emder ließen ihren Erinnerungen in Bezug auf dieses Foto freien Lauf. Das Foto entstand an der Ecke Klunderburgstraße/Schulstraße, wie wir erfuhren. Dies war die Geburtsstunde der Serie „Emder erzählen“, die ich seither wöchentlich schreibe.
Kostbare Erinnerungen festhalten
Emder hängen an der Vergangenheit ihrer Stadt. Ohne Unterbrechung melden sich Menschen, die erzählen wollen von früher. Und das bis heute. Dabei geht es um Themen wie Hafenwirtschaft und Schiffe, die Zerstörung Emdens im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau, aber auch um Musik, Theater, Gastronomie, Handwerk, Kirchen und Kindheit in Emden – eben alle denkbaren Lebens- und Arbeitsbereiche. Meine Gesprächspartner wollen ihre Beobachtungen, Eindrücke, Gefühle, Demütigungen, Ängste, Trauer und Freude, ihre kostbaren Erinnerungen festgehalten wissen. Deshalb ist diese Serie erlebte Geschichte. Und neue Erzähler werden immer gesucht.
Mit diesem alten Foto hat alles angefangen: die Ecke Klunderburgstraße/Schulstraße in der Emder Altstadt gab den Anstoß für die Serie „Emder erzählen“. Bild: Archiv Emder Zeitung
Zeitzeugen machen Vergangenes erlebbar
Denn die Erzählungen der Zeitzeugen lassen die Nachwelt Vergangenes besser verstehen. Es sind nicht nur Daten und Fakten. Ihre Berichte vermitteln Atmosphäre: der Geruch im Bunker, wenn die Bomben draußen fallen, der Zustand der Emder Innenstadt, nachdem sie am 6. September 1944 in Trümmer gelegt wurde, der Anblick des einst wunderschönen Rathauses, das nur noch ein Haufen Schutt ist, menschliche Schicksale, aber auch die schönen Erinnerungen. Nicht selten saßen mir gestandene Männer gegenüber, die bitterlich weinten, aber glücklich waren, sich ein Trauma von der Seele reden zu können.
Schon vergessene Persönlichkeiten wurden neu entdeckt, wie der Sozialdemokrat Alfred Mozer, der 1933 öffentlich und vehement die Politik der Nationalsozialisten kritisierte und fliehen musste, um später in der Europapolitik von den Niederlanden aus mit führenden Politikern an einem Deutschland zu arbeiten, von dem nie wieder ein Krieg ausgeht.
Es gibt noch viel zu erzählen
Auch der Glockenspielstifter für das Emder Rathaus, Bernhard Brahms, bereicherte das Wissen der Stadt, indem er im August 2010 zu mir kam, um das allererste Mal und exklusiv über seine Beobachtung zu erzählen, wie er als Junge Zeuge der Exekution ukrainischer Zwangsarbeiter in Wolthusen wurde. Auch diese Geschichte mit dem Titel „Kurzer Prozess“ zog viele weitere Recherchen und Ereignisse nach sich. Es gibt noch viel zu erzählen.
Erinnern auch Sie sich an interessante Begebenheiten von früher? Wie war es, als die ersten Hippies in Emden gesichtet wurden? Erinnern Sie sich noch an die legendäre Disko- und Kneipenszene? Wie stand es um die Schwulen- und Lesbenbewegung, als das Thema noch tabuisiert war, und, und, und?
Dann melden Sie sich bei uns. Iris Hellmich ist unter Telefon 04921/89000 oder per E-Mail an IrisHellmich@gmx.de zu erreichen.
