Emden - Genau so muss es laufen: Unser Serienteil über historische Emder Firmenfahrzeuge hat Gerold Hildebrands angespornt, einmal im eigenen Familienalbum zu stöbern. Und was er gefunden hat, ist Wolthuser Lokalkolorit pur. Tolle Fuhrpark-Fotos der Kohlenhandlung in der Wolthuser Straße 35. Echte Raritäten mit einer spannenden Energie-Geschichte.
Marke Eigenbau: Das Fleßner-Gefährt Anfang der 1950er in der Wolthuser Straße/Ecke Filkuhlweg. Links eine Behelfsbaracke. Sie wurde in den 1970ern abgerissen. Bild: Album Gerold Hildebrands
Ein kluger Schachzug
Gründer des Betriebs war der Ur-Großvater von Gerold Hildebrands, der 1857 in Ochtelbur geborene Harm Wermessen. Ein Macher, der wusste, was er wollte. Zunächst in Uphusen beheimatet, zog es ihn ab 1895 nach Wolthusen. Beschäftigt war er in der Kohlenhandlung van Jindelt in der Schweckendieckstraße 6. Dort lernte er das Geschäft von der Pike auf und wagte bald den Schritt in die Selbstständigkeit. Vermutlich ab 1904 gründete er sein eigenes „Kohlen-Start-up“, das im eigenen Haus in der Wolthuser Straße 12 (heute Nummer 35) seinen Sitz hatte. Die Geschäfte müssen gut gelaufen sein – so gut, dass sein Schwiegersohn Gerd Fleßner 1927 den Betrieb übernahm, in dem er schon seit 1918 beschäftigt war. Eine Familien-Tradition war geboren und Wolthusen hatte seine Kohlen-Könige. Der Betrieb ging weiter auf Expansionskurs und stieg ins Fuhrgeschäft ein. Ein kluger Schachzug, konnten die Kohlen doch jetzt sogar geliefert werden.
Kurioses Gefährt
Besonderer Hingucker war in der Nachkriegszeit dabei das kurioseste Gefährt von ganz Ostfriesland. Eine bullige Zugmaschine, die wohl aus Trecker-Karosse und einem undefinierbaren Führerhaus zusammengebastelt worden war. Fabrikat „Marke Eigenbau“.
In den 1950ern stiegen die Fleßners dann auf Mercedes um. Im Kühlergrill des Benz war ein Schlittschuh-Pin-up-Girl befestigt, mit dem seinerzeit die Motoröl-Marke Veedol warb. Ein tolles Stück Zeitgeschichte! Und der Betrieb blieb in Schwung. Die zwei Söhne Gerd junior und Harm – man ahnt es – stiegen irgendwann ebenfalls in den Betrieb ein.
Die Junior-Chefs waren gelernte Autoschlosser und konnten sich so selbst um die Reparatur der Fahrzeuge kümmern. 1966 übernahmen sie die Kohlenhandlung dann endgültig. Ihre Zeit währte jedoch nur kurz: Ab den 1970ern stiegen mehr und mehr Emder von Kohleöfen auf Öl- und Gasheizungen um. Die Kohlen-Könige von Wolthusen verloren ihr Reich, sodass sie das Geschäft 1973 schweren Herzens schließen mussten.
