Emden - Unsere Ems gilt als der kleinste Strom, aber auch als einziger, der in Deutschland entspringt und auch mündet. Das habe ich kürzlich mit meinem langjährigen Emder Fahrradpartner Günther Westerbur überprüft. Wir haben schon in früheren Jahren etliche tausend Kilometer mit dem Rad auf dem Buckel. Ich betone Rad und nicht etwa E-Bike. Doch das Ziel muss nicht immer Berlin oder Nürnberg heißen. Diesmal starteten wir in Gütersloh, also im Dunstkreis der Emsquelle. Diese Stadt hat einiges zu bieten: einen ausgedehnten Park, den Mohnspark mit Freilichtbühne und eine gepflegte Altstadt. Die abendliche Pizza nach gewaltigem Gewitter wurde in einem übergroßen Weinfass serviert.
Rolf Westernhagen ist 74 Jahre alt.
Er ist ehemaliger Kapitänleutnant der Bundeswehr.
Die „Mähdrescherstadt“
Am nächsten Morgen dann endlich Start. Das Tagesziel hieß Warendorf, bekannt als die „Pferdestadt“. Auf dem gut ausgebauten Europa-Radweg durch das grüne Westfalen kamen wir an ein interessantes Teilziel: Harsewinkel. Unser Emden ist bekanntlich Reformationsstadt, doch Harsewinkels Beiname hat uns dann doch verblüfft: „Mähdrescherstadt“. Nach Passieren der Stadtgrenze stellten wir den Grund fest: Die gewaltigen Werksanlagen eines führenden europäischen Landmaschinenproduzenten säumten unseren Weg.
Beinahe Domcharakter
Warendorf hat uns schwer beeindruckt. Die Altstadt ist in einem vorbildlichen Zustand: bestens restaurierte oder auch erhaltene Bürgerhäuser. St. Laurentius hat fast Domcharakter und geht auf 830 nach Christi zurück. Erstaunlich für eine doch relativ kleine Stadt. Gewitter mit Wolkenbruch wurde nun beinahe obligatorisch und erwischte uns, allerdings gut beschirmt im „Extrablatt“.
Durch Wälder und Felder
Tag drei – es geht nach Greven. Der „Emsradweg“ verläuft wieder weit entfernt von der Ems durch Wälder und Felder. Dann gab es wieder ein besonderes Teilziel: Telgte. Die Stadt mit ihrer Wallfahrtskapelle wird von vielen katholischen Pilgern zur Marienwallfahrt genutzt. Und es gibt noch eine historische Besonderheit: Vor 1648 fanden hier Vorgespräche zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges statt, ehe dieser in den Friedensstädten Münster und Osnabrück tatsächlich zu einem Ende geführt wurde. Günter Grass hat das in seinem Buch „Das Treffen in Telgte“ treffend beschrieben. Greven, unser Tagesziel, ist ähnlich strukturiert wie Warendorf: eine gut erhaltene Altstadt und eine gewaltige Stadtkirche beeindrucken wieder.
Der Fluss bleibt Begleiter
Dann ging es nach Rheine. Nach 30 Kilometern durch Wald und Flur kam zehn Kilometer vor der Stadt die Ems tatsächlich in Sicht. Der Fluss bleibt endlich unser Begleiter. Die Stadt Rheine wird vom Charme der Ems geprägt. Der Fluss zieht sich durch gepflegte Parkanlagen mit einladender Gastronomie und einer ausgeprägten Hotellandschaft. Die 75 000-EinwohnerStadt hält für den konsumverwöhnten Mitteleuropäer alles bereit – eine echte Einkaufsstadt. Wir sind jedoch eher an Historischem interessiert, und da sind zwei gewaltige Kirchen zu nennen. Die neugotische Sandsteinbasilika hat sogar den höchsten Kirchturm Westfalens.
Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter 04921/8900-0 oder per E-Mail zu erreichen.
Tags drauf wandten wir uns dem Dortmund-Ems-Kanal zu. Es ging über die NRW-Grenze zum emsländischen Lingen. Die Industriestadt Lingen grüßte von weither mit den gewaltigen Kühltürmen der beiden ehemaligen Kernkraftwerke. Der Rückbau war noch nicht im Gange. Wir machten uns Gedanken, wie eine Sprengung wohl vonstattengehen könnte, weil sie an der wichtigen Bahnstrecke Münster-Norddeich/Mole liegen.
Der Bahnstreik wurde abgesagt. Wir hatten Glück. So ging es problemlos zurück in die Seehafenstadt Emden. So viel ist sicher: Diese Radtour bleibt in Erinnerung. Allerdings: Der „Emsradweg“ sollte umbenannt werden. Unser Vorschlag lautet: „Emsauen- Radweg“.
