Emden - Das Andenken an die in der Nazi-Zeit verfolgten Emderinnen und Emder wird um eine Opfergruppe erweitert. Zum ersten Mal werden Stolpersteine für Menschen verlegt, die sich zu den Zeugen Jehovas bekannten. Aber auch Stolpersteine für Verfolgte anderer Opfergruppen kommen an zwei Oktober-Terminen ins Emder Straßenpflaster.
Die Verlegung der Steine findet am 11. und 22. Oktober statt.
Die Ausstellung im VHS-Forum wird am 11. Oktober um 19 Uhr mit dem Vortrag von Falk Bersch eröffnet.
Der Vortrag von Dr. Insa Eschebach ist am 27. Oktober.
Opfergruppe mehr ins Bewusstsein rücken
Es ist die erste Verlege-Aktion seit eineinhalb Jahren, zu der sich am 22. Oktober auch wieder Stolperstein-Initiator Gunter Demnig angekündigt hat. Eingebettet ist die Verlegung in einen größeren Rahmen: Dem Arbeitskreis Stolpersteine ist es gemeinsam mit der VHS gelungen, die Wanderausstellung „Verboten und verfolgt. Jehovas Zeug*innen im KZ Ravensbrück und in Haftanstalten der DDR“ nach Emden zu holen.
Dazu werden Kurator Falk Bersch sowie die langjährige Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, Dr. Insa Eschebach, zum Beginn und zum Ende der gut 14 Tage geöffneten Schau Vorträge halten. „Es ist angebracht, diese Opfergruppe mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken“, sagte Tom Sprengelmeyer vom Arbeitskreis und weist dabei auch auf das geplante Denkmal für die Zeugen Jehovas hin, das bald in Berlin errichtet werden soll.
Intensiv mit den Schicksalen beschäftigt
Ein Gedenken, das nun auch in Emden Einzug halten soll: Die Steine für die Eheleute Gesche und Rimt Janssen in der Helgolandstraße 15 sowie für die Familie Schullian in der Föhrstraße werden daher auch nicht die letzten für die Zeugen Jehovas in Emden sein, kündigte Biografien-Schreiber Hans-Gerd Wendt an. Gemeinsam mit Johanna Adickes beschäftigte er sich in den letzten Monaten intensiv mit den Schicksalen. Einen Schub habe die Forschung erhalten, als die Zeugen Jehovas an Wendts Tür klingelten und er die unerwarteten Besucher spontan auf seine Forschungsarbeit ansprach. „Daraus hat sich ein sehr fruchtbarer Kontakt entwickelt“, schilderte Wendt.
Der eigene Bruder in der SS
So ist es bei vielen Recherchen. Fast unglaublich mutet etwa das Schicksal des Emders Rudolf Buck an, der in die Fänge des NS-Regimes geriet. Ausgerechnet sein eigener Bruder diente in der SS.
„Sie waren sogar im gleichen Konzentrationslager. Der eine als Häftling, der andere als Bewacher“, sagte Hans-Gerd Wendt. Nicht nur eine erschütternde Geschichte, sondern ein trauriger Beleg dafür, dass der krasse Gegensatz zwischen Widerstand und Täterschaft mitunter Familien entzweite.
„Die Betroffenheit ist nach wie vor groß“
Die düstere Nazi-Zeit – ein Thema, das Emden noch lange beschäftigen wird. „Die Betroffenheit ist nach wie vor groß“, weiß Renate Skoruppa.
So hätten sich allein für den ersten Verlegetag über 40 Familienangehörige angekündigt, die sogar aus Israel und Indien anreisen. Es sind die Nachfahren von Maurice Windmüller, an den künftig ein Stein in der Mühlenstraße 4 erinnern soll.
Hört man den Erzählungen von Renate Skoruppa und Edda Melles über die Recherche-Erlebnisse zu, bekommt man eine Ahnung von der Arbeit, die die Forschergruppe in den vergangenen Jahren geleistet hat.
Künftig jedoch möchte das bewährte Duo die Federführung nach und nach an Tom Sprengelmeyer abgeben. Der pensionierte städtische Fachbereichsleiter hatte sich auf Empfehlung von Oberbürgermeister Tim Kruithoff gerne bereiterklärt, die Arbeit im Sinne von Skoruppa und Melles weiterzuführen, die ins zweite Glied treten möchten.
„Eine Aufgabe, die ich für enorm wichtig halte und unbedingt mit aller Kraft fortsetzen möchte“, so Tom Sprengelmeyer.
