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Der Steinhauer hatte die Rückseite eines jüdischen Grabsteins benutzt Erinnerungen an eine Pietätlosigkeit am jüdischen Friedhof in Emden

Helmut Fischer
Im Jahr 1835 gebaut und 103 Jahre später, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, durch Brandstiftung zerstört: die Synagoge in Emden.
Emder erzählen

Im Jahr 1835 gebaut und 103 Jahre später, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, durch Brandstiftung zerstört: die Synagoge in Emden.

Archiv

Emden - Es gibt einen Artikel aus dem Jahr 1947 im Blatt der Ostfriesen an die Buten-Ostfriesen in Amerika, in dem es unter anderem um den Friedhof der Juden in Emden geht. In dem Heimatblatt der US-Ostfriesen schreibt ein Briefschreiber vermutlich aus Oldersum. Die „Ostfriesischen Nachrichten“ in den USA hatten oftmals die Überschrift „Brief aus ….“. Jedes Dorf hatte quasi seinen Lokalreporter. Das galt auch für die Berichte aus Ostfriesendörfern im mittleren Westen der USA.

Zur Person

Helmut Fischer ist 1949 geboren.

Er ist ehemaliger Gymnasiallehrer.

Fischer ist Vorsitzender der „Upstalsboom-Gesellschaft für historische Personenforschung und Bevölkerungsgeschichte in Ostfriesland“.

So heißt es in dem „Brief aus einem Emsdorf“: „Nach heißen Tagen kamen recht kühle Wochen. In der Nacht auf den 13. Juni soll es sogar etwas gefroren haben; man konnte am Morgen Reif vom Gras streichen. Es hat das alles aber keinen großen Schaden angerichtet. Jetzt haben wir aber wieder warmes und fruchtbares Wetter. Die meisten Früchte sind aber im Wachstum weit zurück. Kartoffeln haben wir sonst wohl am Ende Juni, aber wir werden nun noch wohl eine Zeit lang zu warten haben. Getreide steht im Hinblick auf den späten Frühling gut; die Weide ist knapp und Heu gibt es auch nicht viel. Die ganze Ernährungslage erhält dadurch auch keine besseren Aussichten. Und gebessert ist diese bisher auch noch in keiner Weise. Auch mit der Bekleidung steht es sehr schofel. Es kommen in solchen Notzeiten allerlei wunderliche Dinge vor.

Not kennt kein Gebot

Es ist oft gesagt worden: Not kennt kein Gebot. Wir wussten gar nicht, was dieses Wort in seiner vollen Tragweite bedeutete. Wir wissen es nun. Man schwadroniert heute vielfach, dass Ehrlichkeit und Charakter dahinschwinden. Es mag sein, aber wer nie sein Brot im Hunger verschlang, der kennt sie nicht, die finsteren Mächte der Not. Die Zollbeamten schnappten in der Umgegend zwei junge Leute aus dem Ruhrgebiet, die im Hammrich ein Kalb geschlachtet hatten und mit dem Fleisch nach Hause wollten mit der Bahn. So etwas passiert hier sehr oft. Es mag sein, dass es Leute waren vom Schwarzen Markt, oder waren es Hungernde? Wer von sich sagen kann, dass er selbst in der Not des Hungers nicht so etwas tun würde, der werfe den ersten Stein. Es geschehen wunderliche Dinge unter der Sonne, aber die Sonne hat noch immer die Absicht, alles an den Tag zu bringen.

Fliegerangriffe

Als in Emden die Fliegerangriffe erfolgten, bleibt auch der Judenfriedhof nicht verschont. Da alle Juden beseitigt waren, kam dieser Friedhof fortan ja auch nicht mehr in Betracht. Nun brachte die Sonne aber an den Tag, dass ein Steinhauer in Emden sich diesen Umstand zunutze gemacht hatte, ob mit oder ohne Zustimmung der Nazibehörden – das tut heute ja nichts mehr zur Sache. Dieser hatte auch für eine Familie in Oldersum einen Grabstein geliefert und aufgestellt. Auf der rechten Stele war der Name des verstorbenen Oldersumers eingemeißelt. Nun fiel einem Besucher des Friedhofes auf, dass auch auf der Rückseite ein Name zu lesen war. Und bei näherer Untersuchung kam der Name einer bekannten jüdischen Familie zutage. Der Steinhauer hatte den Grabstein vom jüdischen Friedhof genommen, den Namen etwas abgemeißelt und verkittet, und dann den Oldersumer Namen an der anderen Seite angebracht. Frost, Sonne und Regen hatten aber den Kitt gelöst, und die Sonne hatte dann alles an den Tag gebracht. Die Familie hatte 1100 Mark für das Denkmal bezahlt und nun natürlich die Sache zur Anzeige gebracht. Noch am selben Tage wurde der Stein vom Friedhofe entfernt. In Emden soll der Judenfriedhof nun aufgeräumt werden; die Arbeit müssen frühere Angehörige der Nazis besorgen. Auch mehrere andere Friedhöfe dort sind furchtbar zerstört worden, nur die beiden an der Auricher Straße wurden ziemlich verschont.“

Erzähler gesucht

Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter Tel. 04921/8900-0 oder per E-Mail zu erreichen:

Auf dem jüdischen Friedhof an der Bollwerkstraße ist eine Gedenkstätte errichtet worden mit Namen ermordeter Emder Juden. Ebenfalls in der heutigen Bollwerkstraße, dem früheren Sandpfad, ist heute ein Denkmal, wo einst die vor 85 Jahren durch Brandstiftung zerstörte Synagoge stand.

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